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Über den Autor

Eric Bürger

Geb. 1928 in Thüringen, verheiratet, 2 Kinder, 1 Enkel, wohnt seit 1960 in Karl-Marx-Stadt / Chemnitz.

Abitur, Studium, Dipl.-Ing., Promotion zum Dr.-Ing., Habilitation, Forschungsdirektor, o. Professor, Lehrstuhlleiter, Institutsdirektor, jetzt Rentner. Autor/Mitautor von 18 Sachbüchern u. 140 wiss. Veröffentlichungen über Computeranwendung, Robotertechnik u. CAD.

Belletristik: „Gottfried August Bürger - Ein Lebensbild" im Oberbaum Verlag (1995), „Lass uns einen besseren Ort suchen" im Fischer Verlag, Frankfurt/Main (1992) u. „Liebling Franzi" im gleichen Verlag (1998).

Seit 1993 Mitglied des „1. Chemnitzer Autorenvereins" u. 1995 deren Vorsitzender. Schreibt z. Z. heitere und nachdenkliche Erzählungen über Menschen und Tiere - einige wurden in Anthologien und Literaturzeitschriften veröffentlicht. Freischaffender Journalist.

Zahlreiche Lesungen, Teilnahme an Autorenwettbewerben. Preisträger der Abteilung Prosa des Sächsischen Staatsministeriums für die Erzählung „Vision einer Stadt" (1999) und 2. Preis der Sächsischen Landeszentrale für die Erzählung „Drei Studenten" (2000).

 

 

Wir haben Abschied genommen

 

von unserem langjährigen Vorsitzenden und Ehrenmitglied.

 

Prof. Dr. Eric Bürger (geb. 1928).

 

Seit 1995 bis zu seinem Rückzug aus Altersgründen führte er unseren Verein mit Sachverstand und Herzlichkeit.

 

Seine Leidenschaft als Konstrukteur verband er mit großer Liebe zur Literatur und zum Fabulieren. In  Kurzgeschichten – besonders in seiner „Markus-Figur“ – wird er fortleben.

 

Im Oktober 2012 ging er nach schwerer Krankheit von uns.

 

Die Mitglieder des 1. Chemnitzer Autorenvereins werden ihren Eric Bürger in bester Erinnerung behalten.

 

 

Im Oktober 2012

 

Vision einer Stadt

 

Er öffnete den Brief. Sein Schulfreund wiederholte die Einladung. "Komm bitte und besuche mich hier. Ich habe dir viel zu erzählen und zu zeigen. Du bist doch jetzt auch Rentner und hast mehr Zeit als früher", schrieb Karl. Er dachte über den Brief nach. Was will er mir zeigen? Ich werde fahren, nahm sich Markus vor und rief ihn an, vereinbarte den Termin.

Nun saß er seit einer Stunde im Zug. Das leise Summen und sanfte Schaukeln des Waggons hatte Müdigkeit erzeugt. Er setzte sich bequem, zog die Schuhe aus, lehnte sich zurück und schloss die Augen. Markus versuchte sich seinen Schulfreund vorzustellen, den er vor zwanzig Jahren zuletzt gesehen hatte: Ein optimistischer, fröhlicher Mensch. Hat er sich inzwischen - enttäuscht von der gesellschaftlichen Entwicklung - zurückgezogen und ist er ein griesgrämiger Alter geworden, der seine eigene Nase nicht mehr leiden kann? An die kräftige Nase und die dunklen Augenbrauen über den graublauen Augen konnte er sich noch gut erinnern. Wird das ausreichen, um ihn im drängenden Bahnhofsgewühl zu finden?

Eben fuhr der Zug in den Bahnhof ein. Markus stieg aus. Verwunderung. Kein Gewühl. Nur einzelne Menschen auf dem Bahnsteig. Dort, der grauhaarige Mann wird Karl sein. Er kam auf ihn zu.

„Hallo Markus. Endlich sehen wir uns wieder. Willkommen in meiner Heimatstadt. Gut siehst du aus. Du rauchst wohl immer noch nicht?" scherzte er. „Und schlank bist du auch geblieben."

Markus ging auf seinen scherzhaften Ton ein: „Ich benötige keine Medikamente. Hoffentlich entschädigt mich die Krankenkasse für mein gesundheitsbewusstes Bemühen mit Rabatt."

„Das gibt es bei uns schon", antwortete Karl.

„Dann habe ich noch Hoffnung", lachte Markus. „Doch zunächst danke ich dir für die freundliche Einladung." Nun sah er sich erstaunt um. „Ist das euer Bahnhof? Es ist hier wie in einem Kaufhaus und nicht wie auf einem Bahnsteig." Fast lautlos fuhr jetzt der Zug weiter. Dadurch konnte er alles überblicken. Er stand tatsächlich wie in einem großen Warenhaus. „Es ist schon spät. Und doch sind so viele Geschäfte noch geöffnet", wunderte sich Markus.

„Bei uns wird geschlossen, wenn die Kunden nichts mehr kaufen wollen", meinte Karl lächelnd. „So eine Kleinigkeit wird nicht reglementiert wie in anderen Städten. Das spart Verwaltung und erfreut die Kunden." Er wies mit der Hand nach links. „Dahin gehen wir zum Standplatz der Fahrzeuge."

„Steht dort dein Fahrzeug oder ist da ein Taxistand?"

„Keines von beiden", antwortete Karl mit eigenartigem Schmunzeln. „Lass dich überraschen."

Sie gingen in eine große Halle. Markus sah Fahrzeuge, die in ihrer Form an Delphine erinnerten. Es war ein ständiges Kommen und Abfahren. Lautlos und ohne Fahrer. Markus blieb stehen. Fasziniert sah er zu.

„Komm", drängte Karl. „Wir nehmen diesen Zweisitzer." Sie stiegen ein. Er zeigte auf die Instrumententafel. „Unser Fahrer." Vor ihnen waren eine kleine Tastatur, ein Mikrofon und ein Bildschirm angeordnet. Karl drückte auf einen Knopf, nannte die Straße und schon erschien auf dem Bildschirm eine Streckenführung. „Ja, er hat mich verstanden und ich kann das Ziel bestätigen." Die Tür schloss sich. Markus zuckte zusammen. Wie von Armen wurde er plötzlich umfasst und schon fuhr das Gefährt ab. Aber mit welcher Geschwindigkeit! Markus wurde in den Sitz gedrückt wie beim Start einer Düsenmaschine. Er spürte leichten Druck in den Ohren und im Magen. Er ahnte die unheimlich hohe Geschwindigkeit. Sie schossen wie aus einem Tunnel, schwebten. Markus hatte seine Hände fest um die Armstützen gekrallt. Er war blass geworden.

Karl drehte sich ihm zu. „Entschuldige, ich hatte versäumt, dich vorzubereiten. Soll ich die Geschwindigkeit drosseln lassen? Wir sind gleich am Ziel."

„Dann lass es"; sagte Markus mit gepresster Stimme. „Ich will mich daran gewöhnen."

Eben schwebte das Delphingefährt in eine Allee ein, fuhr noch eine Strecke und hielt vor einem Haus. Karl zeigte auf das Einfamilienhaus. „Wir sind am Ziel."

Markus konnte wieder normal sprechen. „ Seit wann gibt es diese Fahrzeuge? Wie erfolgt die Steuerung und wo parken sie, wenn wir ausgestiegen sind?"

Karl nickte lächelnd. „Ich verstehe deine vielen Fragen. Seit fünf Jahren ist dieses System in Betrieb. Es sind überall Sensoren angeordnet, die den zentralen Steuercomputer mit allen notwendigen Informationen füttern. Von ihm erhielten wir die Steuerimpulse für den optimalen Weg."

„Wir haben nur einige Minuten bis hierher benötigt. Wie lang war die Strecke?" fragte Markus.

„Fünfundzwanzig Kilometer."

„Das ist unglaublich", schüttelte Markus den Kopf. Er blickte dem davonfahrenden Gefährt nach. „Fährt es zurück?" fragte er.

„Nein, nur bis zum nächsten Standplatz. Von dort kann es erneut abgerufen werden."

„Mich interessiert, wie es dort aussieht. Und wer wartet sie?"

„Vor dem nächsten Einsatz werden sie geprüft. - Aber darüber können wir uns gemütlich unterhalten", meinte Karl und zeigte zur Eingangstür.

„Wir fahren morgen früh in die Stadt. Dann zeige ich dir, wie der Straßenverkehr geleitet wird", sagte er ungeduldig. „Bitte, komm nun mit hinein."

Als sie Platz genommen hatten, knüpfte Markus an das Thema an. „Wer bezahlt dieses phantastische, technische System?"

„Wir", antwortete Karl heiter. „Doch lass mir einige Effekte erwähnen, die man zunächst nicht sieht: Es gibt keine Autodiebe mehr. Hast du eine Vorstellung, wie sich das vor allem ökonomisch auswirkt? Wir haben weniger Polizei und Gerichtsverfahren, weniger Häftlinge und Gefängnispersonal..."

„Hör auf", unterbrach ihn Markus. „Sonst machst du mir noch vor, ihr habt keine Arbeitslosen mehr und die Ideale der Französischen Revolution: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, wie sie vor zweihundert Jahren definiert wurden, sind verwirklicht."

„Auf dem Sektor bestimmt", meinte Karl. „Es waren viele Arbeitsplätze für diese neuen Produkte zu schaffen. Du hast es sicher bemerkt: wir zahlen keinen Fahrpreis. Außerdem gibt jeder acht, dass nichts unnötig zerstört wird. Wir fühlen uns als Miteigentümer."

„Es reicht", winkte Markus ab. „Sonst schwärmst du so weiter."

„Berechtigt, denn wir haben keine Verkehrsunfälle mehr, dadurch weniger Verletzte und Verkehrstote..."

Markus unterbrach und ergänzte heiter, wobei er seine rhetorische Sprechweise nachahmte: „Bessere Umweltverhältnisse: keine Auspuffgase, weniger Ausgaben fürs eigene Gefährt. Und du brauchst keinen Wagen mehr für den Stadtverkehr und bist dennoch flexibel."

Karl sah in plötzlich an, fasste sich an die Stirn. „Da fällt mir etwas ein: Du bist der Wissenschaft untreu geworden und schreibst jetzt solche sonderbaren Geschichten?" fragte er.

Markus nickte zurückhaltend. Was soll diese Frage, dachte er verstimmt. Will er sich über mein Schreiben lustig machen?

„Dann will ich dir etwas zeigen." Er ging zur Tür. Sie öffnete sich automatisch. Markus folgte ihm zögernd. Sie standen in einem modern eingerichteten, großen Büroraum.

„Brauchst du für deine zwei Briefe im Monat solch einen Raum?" fragte Markus spöttisch.

„Nein, aber meine Frau. Sie schreibt Lyrik, die wenig Leute verstehen. Ich bin ihr Kritiker. Und das hier ist ein modernes Werkzeug für solche Dichter." Das Wort Dichter sprach er eigenartig aus, fand Markus. Karl ging zum Computerplatz, zeigte einladend auf den ergonomisch gut gestalteten Sitzplatz. „Bitte setz dich."

„Das sieht ja super aus", sagte überrascht Markus. „Darf ich mal probieren?"

Karl erläuterte das Gerät. „Nun diktiere deine Post", sagte er betont freundlich zu Markus. Er hatte dessen Verstimmung bemerkt. Diese Schreiberlinge sind immer noch empfindlich, dachte er. Genau wie meine Frau.

Markus sprach einige Sätze ins Mikrofon. Aus der Ablage nahm er das synchron bedruckte Blatt. Er las aufmerksam den Text. „Kein Fehler", sagte er erstaunt. „Da könnte ich am Tag etliche Seiten ausdrucken lassen".

„Und nun zeige ich dir unseren Informationsempfänger zur Eingabe für Computer. Setze ihn mal auf. Ich werde den Empfänger für deine Hutgröße einstellen."

Karl setzte das Instrument auf, stellte einige Größen ein und sagte: „So klappt es. Schließe bitte die Augen und versuche an das zu denken, was du schreiben willst."

Nach einigen Minuten unterbrach Karl laut lachend. „Du denkst wie der Karl May. Furchtbar schnell. Da hätte dieser May riesige Berge Papier erzeugt. Du willst ihm wohl nacheifern?" Er gab ihm den Stoß bedruckter Bögen.

Markus betrachtete erstaunt und neugierig die Blätter. Dann wurde es ganz still im Raum. Nach einiger Zeit fand er die Sprache wieder. „Man kann es kaum glauben: es klappt. Die Seiten enthalten meine Gedanken. Fast fehlerlos ausgedruckt."

Sie diskutierten lange die Ergebnisse. Dann sagte Karl: „Nun will ich dir zunächst das Haus zeigen und wo du schlafen wirst."

Nachdem sie durch einige Räume gegangen waren, meinte Markus: „Du brauchst ja viel Energie."

Als Antwort zeigte Karl in Richtung seines Hausdachs. „Ich bin Selbsterzeuger."

Markus: „Ich hatte die Fotozellen im Dach gesehen. Sind die Wände auch aus den Zellen?"

„Du hast gut beobachtet. Ja, auch die Außenwände werden für das Erzeugen von Strom genutzt."

„Wie viel Energie erzeugst du selbst?"

„Du wirst es kaum glauben: die Hälfte."

Als Markus zur Seite treten wollte, um ein Gemälde zu betrachten, stieß er gegen einen Stuhl.

Markus wurde hellwach. Sein Zwerghund war geräuschvoll zu ihm ins Bett gesprungen.

 

(1998)

((Beitrag für den Seniorenwettbewerb 1999. Zu dem Wettbewerb hatte der Sächsische Staatsminister für Soziales, Gesundheit und Familie eingeladen.)) Termin: 15. Januar 1999.))