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Texte von Herbert Höft

und hier: Kinder haben ihre eigene Logik Buch


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Kurzbiographie

 

Geboren 1931 in Wilhelmswald (Borowo) bei Lodz/ Polen,

1938/42 Dorf-Volksschule, 1943/44 Hauptschule, 1945/48 Landarbeiter in Polen

Nach Vertreibung ab 11/47 Holzhacker, Hilfsarbeiter, Raschelarbeiter, Glasmacher in Großbreitenbach/Thüringen,

1950 Delegierung zur Arbeiter- und Bauernfakultät,

1959 Physikdiplom an der Universität Jena,

1963 Promotion zum Dr.-Ing. an der TH Ilmenau, Industrietätigkeit,

1972 Habilitation an der TH Karl-Marx-Stadt,

1969/1992 Universitäts-Professor für Elektronische Bauelemente an der TH/TU Karl-Marx-Stadt/Chemnitz. Von seinen 4 Fachbüchern wurde eins ins Chinesische und ein anderes ins Tschechische übersetzt.

Seit 1995 Rentner und Mitglied des 1. Chemnitzer Autorenvereins.

Er schreibt vorwiegend Kurzgeschichten.

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Kinder: pfiffig, neugierig und liebenswert

 

Die rote Sonne

(Kurzfassung)

 

Endlich hatte Vater Zeit mit dem kleinen Michael an den Ententeich zu gehen. Das Füttern macht so viel Spaß.

Der Himmel färbt sich im Dämmerlicht. Die Sonne sinkt groß und rot dem Horizont zu.

"Vati, warum ist die Sonne abends so rot", fragt Michael plötzlich.

Der junge Physiker denkt kurz nach.

Was sollte er auf eine solche Frage seinem Kind antworten?

Physikalisch gesehen war die Antwort ja ganz einfach. Aber würde der Kleine dies schon verstehen? Wozu aber dem Kleinen etwas vormachen?

"Ich werde es dir auf dem Heimweg erklären."

Der Vater war auf seinen  Sohn sehr stolz.

Welches Kind von drei Jahren stellt schon solche Fragen?

"Also," so fing er an, "du weißt doch, dass die Sonne uns Licht und Wärme spendet."  Der Kleine nickte verständnisvoll.

"Das Licht ist eine elektromagnetische Welle, die sich ähnlich im Raum ausbreitet, wie die Wasserwellen auf der Oberfläche des Teiches, die du eben gesehen hast." Der Kleine nickte bestätigend.

"Dass das weiße Licht von der Sonne ein Gemisch von unterschiedlichen Wellenlängen ist, die unser Auge als verschiedene Farben empfindet, habe ich dir ja vor kurzem mit einem Glasprisma gezeigt."

"Ach ja, du hast so tolle Regenbogenfarben auf ein Papier gemacht", erinnerte sich der Kleine.

"Genau, und ich habe dir auch gesagt, dass die rote Farbe die längeren Wellenlängen sind und die blauen die kürzeren. Erinnerst du dich?"

"Ja, genau", bestätigte der Kleine altklug.

"Von der Luft, die unseren Erdball umgibt, wird das blaue Licht, also die kürzeren Wellen stärker gestreut als die roten, längeren Wellen.  Das blaue Licht wird also weniger gut durchgelassen als das rote.

Mittags haben die Sonnenstrahlen den kürzesten Weg durch die Luft haben, sehen wir die Sonne hell und weiß. Abends, wenn die Sonne bald untergeht, fallen ihre Strahlen schräg zu uns ein. Sie haben also einen längeren Weg durch die Atmosphäre. Und weil die längeren Wellen also das rote Licht besser durch die Luft hindurch kommen, sieht die Sonne abends rot aus. So einfach ist das."

Der kleine und der große Mann gingen bei diesem Gespräch einem herrlichen Abendrot entgegen. Beide, Vater und Sohn, genossen die so gewünschte aber seltene Gemeinsamkeit und kamen auf die verschiedensten Dinge zu sprechen.

Ein leiser Wind fuhr über das Kornfeld am Wegesrand. Die Ähren wiegten sich wellenartig auf der großen Fläche. Der Vater war stolz, dass sein dreijähriger Sohn die Zusammenhänge in der Natur tatsächlich schon begreifen konnte.

Er kam deshalb nochmals auf die Lichtwellen und die rote Sonne zu sprechen und fragte:

"Hast du das mit der roten Sonne auch richtig verstanden?"

"Ja,“ kam die prompte Antwort.

Der Vater dachte, wenn man es also richtig erklärt, begreift so ein Kleiner schon eine Menge Physik.

Nach einer Weile des besinnlichen Schreitens schaute der Kleine plötzlich skeptisch nach oben, blickte seinen Vater erstaunt an, runzelte bedenklich die Stirn und stellte interessiert und zweifelnd die Frage:

"Und wer hat die Sonne rot angemalt?"

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Die Busreparatur

(gekürzte Fassung)

 

Wenn ein Motor irgendwo knatterte, war der kleine Michael da. Er wollte ein Auto erfinden, das fliegen konnte. Den Lufthebler hatte er schon an der Gangschaltung  entdeckt. Nur wunderte er sich, dass der Bus nicht abhob, wenn ihn der Busfahrer betätigte. Wenn er groß wäre, hätte er das längst geändert.

Ein Pferdegespann wurde überholt. Der kräftige Rotschimmel hob den Schwanz und ließ dicke Brocken fallen. Auf dem Feld zog ein Traktor Geräte hinter sich her.

"Käckert ein Traktor auch", fragte Michael interessiert.

"Nein", erfuhr er. "Und ein Bus?" "Natürlich auch nicht."

Michael nickte. Ein Traktor und ein Bus machten also die Straßen und die Felder nicht schmutzig.

Onkel Karl hatte auf seinem Bauernhof viele Geräte die auch knatterten.

Die Begrüßung war herzlich. Onkel Karl und Tante Ida zeigten stolz ihre Kühe und Pferde. Im Hof krähte ein Hahn, die Gänse gackerten und die Tauben gurrten.

Bald hatte Michael die Geräte im Schuppen entdeckt.  Während alle anderen in die gute Stube verschwanden, zog es ihn in den Schuppen. Dort fand er, was wohl auch knatterte. Es war nicht besonders sauber. Nun das machte nichts. Diese Geräte käckerten ja nicht.

Zuerst hebelte er an allem herum, was sich bewegen ließ. Dann interessierte ihn, wie man die angebrachten Werkzeugkästen öffnen konnte. Schließlich passten Schlüssel auf Muttern, und das musste ja was zu bedeuten haben. Mit seiner ganzen Kraft bemühte er sich, sie zu lösen. Es gelang nicht. Wie sollte er da die Geräte reparieren?

Nun fand er ein Auspuffrohr, schwarz, ölig, verschmiert aber das war ja keine Käcka, wie er wusste. Also rann. Sein dünnes Ärmchen passte knapp hinein. Aber in dem Rohr war nichts. Er musste tiefer greifen. Nein nichts!  Na so was!  Na dann wollen wir doch mal gründlich untersuchen. Das Rohr wurde eingehend beklopft, reingeschaut, von innen abgefühlt, reingerochen.

Schließlich wurde Michael müde. Als er geweckt wurde, standen alle um ihn herum, lachten. Seiner Mutti war aber gar nicht zum Lachen. Wie, mit was und wo sollte sie diese Schmiere runter bekommen?

Oma und Mutti schrubbten an seinem Körper mit allen nur denkbaren Pulvern, Seifen und Pasten. Onkel Karl holte eine üble Bürste und schrubbte, bis Michael schrie. Seine Kleidung kam in den Müllcontainer und Michael musste die verhassten Mädchensachen anziehen.

 

 

Als ihn Opa nach Tagen fragte, was er denn bei Onkel Karl gemacht habe, sagte er mit seinem feinen Kinderstimmchen:

"Ich war ganz fleißig. Ich habe Onkel Karls Bus repariert."

Dann zog er seine Ärmel hoch, zeigte stolz seine immer noch punktierten Ärmchen und betonte:

"Das ist aber keine stinkende Käcka."

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Der neue Schlafanzug

(gekürzte Fassung)

 

Besuch war gekommen. Die liebe Tante brachte dem kleinen Michael einen gebrauchten, gut erhaltenen bunten Schlafanzug mit. Die lange Hose, die Jacke zum Knöpfen stellten einen richtigen Männeranzug dar, wie ihn Vati hatte. Nur dass er viel bunter  und interessanter als Vatis gestreifter war. Viele Tiere, ein ganzer Zoo, waren darauf.

Gleich nach dem Auspacken testete Tante Lotti die Zookenntnisse des Vierjährigen: Was ist das?  Was ist jenes? Wie nennt man dies?

Michael kannte zum erstaunen der Tante alle Tiere, denn es waren Enten, Hühner, Hähne, Gänse, Tauben, Schwalben usw.

"Alles Vögel", bemerkte Michael.

"Gefällt Dir wohl nicht, dass es lauter Vögel sind", fragte die Tante skeptisch.

Mutti sagte ganz eilig: "Doch, doch. Michael wollte schon immer so einen Schlafanzug haben.“

Der Onkel schaute sich den Anzug an und bestätigte:

"Tatsächlich, lauter Federvieh; wie auf einem Bauernhof."

Michael freute sich über die langen kleinen Männerhosen, und dass er die Zooprüfung der Tante so gut bestanden hatte.

Abends würde er den alten, neuen Schlafanzug gleich anziehen.

Die Kinder gingen spielen. Die Erwachsenen redeten über bedeutende und weniger wichtige Dinge. Man unterhielt sich eben.

Vor dem Schlafengehen wurde Michael gebadet. Alle wollten zusehen, wie der kleine Mann in der Wanne planschte. Mutti wusch gründlich.

Auf dem Hocker wurde Michael trocken gerieben.

Jetzt fiel dem kleinen Mann sein neuer Schlafanzug ein und er sagte laut: "So! Nun zieh' ich meinen Vögelanzug an und geh' ins Bett." Onkel Klaus wieherte los. Tante Lotti schaute ihn empört an. Die große Cousine grinste verschmitzt. Vati schüttelte schmunzelnd den Kopf und Mutti schaute ihren Sohn empört an. Plötzlich lachten alle aus vollem Halse. Nur Michael schaute verdutzt drein. Er verstand nicht, warum alle so lachten. Die Stirn runzelnd schaute er von einem zum anderen.

Empört und ernst sagte er: "Ich möcht' mal wissen...",dann schüttelte er verwundert seinen kleinen Kopf,..."was es da bloß zu lachen gibt."

Nun fühlte sich Mutti verpflichtet einzugreifen: "Ja, ja, du hast ganz recht, mein Junge. Das kommt davon, wenn die Erwachsenen nicht verstehen, was die Kinder sagen. Du kannst ruhig deinen Vogelanzug anziehen."

 

Michael war einverstanden aber irgend etwas schien ihn doch zu bewegen. Dann meinte er halb feststellend, halb fragend:

"Aber Mutti, da sind doch viele Vögel drauf. Dann ist das doch ein Vögelanzug  und nicht ein Vogelanzug  - nicht wahr?".

"Ja mein Kind. Die deutsche Sprache ist manchmal schwierig", sagte Mutti. Dann wurde Michael ins Bett gebracht.

Lange dachte er darüber nach, weshalb wohl die Erwachsenen so laut über ihn gelacht hatten?

Dann kroch er aus dem Bett, machte die Tür zum Wohnzimmer auf und sagte betont:

"Ihr denkt wohl, ich weiß nicht, weshalb ihr so gelacht habt.

  Das heißt aber heute anders.“

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Der Unfall

(gekürzte Fassung)

 

Fahren war Michaels Welt . Sein Dreirad liebte er über alles. Es wurde zugedeckt und gestreichelt. Bekam oft ein Küsschen und musste abends neben seinem Bett schlafen. Es war sein bester Freund in der Neubauwohnung.

Wenn er zur Toilette musste, wurde das Dreirad vor der Tür des Bades geparkt.

Michael machte Kurierdienste von Zimmer zu Zimmer. Sogar zum Essen blieb er manchmal darauf sitzen. Nicht selten schlief er auf seinem geliebten Dreirad ein.

Vati sagte: “Du wirst noch das Laufen verlernen.“

Michael wollte Rennfahrer werden und übte.

Mit einem Dreirad kann man keine Rennen fahren. Noch nie hatte er bei der Friedensfahrt ein Dreirad gesehen. Er wünschte sich so sehr ein Fahrrad.

So lieb ihm sein Dreirad in der Wohnung war. Draußen, auf dem großen Spielplatz, brauchte er unbedingt ein Fahrrad. Die größeren Kinder hatten welche aber sie ließen Michael nicht darauf fahren. Er war dafür noch zu klein, sagten sie.

„Nun wenn du Rennfahrer werden willst und an der Friedensfahrt teilnehmen möchtest, dann solltest du tatsächlich zum vierten Geburtstag ein Kinderfahrrad bekommen“, sagte Vati.

Michael konnte seinen großen Tag kaum erwarten. Er schlief unruhig. Sein Dreirad war nachts nicht mehr ordentlich geparkt und kaum noch zugedeckt. Er träumte von seinem Fahrrad, erlebte im Traum, wie er im Endspurt die anderen hinter sich ließ und als Sieger ins Stadion fuhr. So hatte er es im Fernseher gesehen. Die Träume nahmen kein Ende. Das Fahrrad wurde sein ein und alles. Er war sogar bereit sein Dreirad dafür hinzugeben. Aber nur, wenn es sein musste.

Ach wie groß war doch die Freude als Michael endlich sein Kinderfahrrad aus dem Laden führen durfte. Er versuchte gleich aufzusteigen. Vati hielt die Balance am Sattel. Jetzt erst merkte Michael, wie schwierig das Fahrrad fahren war. Er hatte sich das so wie mit dem Dreirad vorgestellt. Es half nichts. Michael sah ein, dass er das Fahrrad nach Hause schieben musste.

Zu Hause wurde auf der Wiese geübt. Vati konnte so einwandfrei mit seinem Fahrrad fahren und Michael fiel immer wieder hin. Er schaffte es nicht, die Balance zu halten. Das dofe Fahrrad war daran schuld. Michael hatte es überhaupt nicht mehr lieb.

Abends kam das Fahrrad in den Keller und Michael streichelte sein Dreirad wieder vor seinem Bett.

Auch am nächsten Tag waren die Fahrkünste nicht besser.

Immer wieder stürzte Michael mit seinem Fahrrad. Die größeren Kinder lachten und führten ihm vor, wie man Kreise und Achten lenkt und wie man freihändig fahren kann.

Vati hatte ihm in Aussicht gestellt, dass er am Sonntag schon mit seinem Fahrrad an einem Ausflug teilnehmen könne, wenn er sicher genug fahre.

Michael schaffte es nicht. Er war darüber sehr traurig und auf das Fahrrad zornig.

Nun saß er vorn auf dem Kindersitz und wunderte sich das Vati so gar keine Mühe hatte die Balance zu halten. Vati fiel nie vom Fahrrad. Warum eigentlich nicht?

Plötzlich blockierte das vordere Rad . Das Fahrrad kippte mit beiden Fahrern nach vorn. Vati balancierte noch einen Moment auf dem Vorderrad und Krach fielen beide hin. Michaels Fuß war zwischen den Speichen total verdreht. Die rechte Achsschraube war oberhalb des Knöchels eingedrungen. Es schien als wäre der Fuß und das untere Bein gebrochen und zerquetscht.

Michael hielt sich tapfer. Vati befreite vorsichtig den Fuß aus dieser Lage. Er drehte das Speichenrad behutsam zurück und sah die tiefe Wunde.

Michael wurde sofort mit dem Auto ins Krankenhaus gefahren. Der Arzt sagte: „Junge, hast du ein Schwein gehabt. Das sah ja schlimm aus. Der Knochen ist aber heil. Es wird aber eine Weile vergehen bis der Bluterguß weg ist.“  Er wunderte sich darüber, dass der verdrehte Fuß keine wesentlichen Verletzungen im Inneren hatte.

So junge Knochen sind eben doch ziemlich elastisch.

„Den Fuß kriegen wir schon wieder gerade“, tröstete er.

Vati schilderte dem Arzt, wie das wohl gekommen sein konnte. Er habe ja Fußrasten dran und trotzdem ... .

„Ja, besser aufpassen“, sagte der Arzt und wandte sich wieder an seinen kleinen tapferen  Patienten.

„Es wird wieder gut, mein Kleiner. Wie hast du das bloß hingekriegt?“

Michael schaut nach unten. Dass er tapfer war hörte er ja gern aber das andere?

Schließlich sagte er betont und energisch:

„Ich wollte, dass mein Vati auch mal mit dem Fahrrad hinfliegt. Der ist nämlich noch nie hingefallen und ich immer zu.“

 

 

Blumen für Gagarin

(gekürzte Fassung)

 

Unser Gast aus dem großen Land im Osten blieb über die Feiertage. Es ging um komplizierte elektronische Steuerungen. Das Problem schien ihnen wichtig genug. So musste ein verantwortlicher Mitarbeiter der Russischen Akademie auch über den Jahreswechsel in der DDR bleiben.

Bei uns zu Hause sollte der Weihnachtsmann bald kommen, da fiel mir ein, dass unser Gast allein in seinem Hotelzimmer sitzt, während wir das familiäre Weihnachten zu Hause feiern. Ich fuhr im Schneetreiben los, fand ihn am Telefon wartend. Die angemeldete Verbindung kam lange nicht zustande. Auch bei der Post war Heilig Abend. Meine Einladung lehnte er bescheiden ab. Er hatte was von einem typisch deutschen Familienfest gehört.

Als er mit seiner Frau und Tochter in Leningrad gesprochen hatte, glitzerte es in seinen Augen. Er wandte sich von mir ab, ging ans Fenster. Draußen auf dem menschenleeren Markt stand ein hell beleuchteter Weihnachtsbaum.

„Bei uns feiert man mehr Väterchen Frost, draußen, unter Menschen, mit Schlitten im Schnee oder beim Schlittschuhlauf auf dem Eis, nicht so in Familie.“

Er hatte seiner Frau von meiner Einladung gesagt. Sie hatte ihn ermuntert, diese anzunehmen.

Nach längerem Zureden entschloss er sich, mir zu folgen.

Der verspätete Weihnachtsmann hatte auch für ihn ein kleines Geschenk. Er konnte seine Rührung nur in seiner Muttersprache sagen. Ich dolmetschte es unseren Kindern. Christina hatte in der Schule gerade mit Russisch begonnen und Michael noch nie von anderen Sprachen gehört.

Egal was wir an Gesprächen begannen, immer gelangten wir in den Kosmos. So kam es, dass der Name Gagarin mehrfach fiel.

Über den ersten Kosmonauten hatte Michael mit Vatis Dias einen kleinen Vortrag im Kindergarten gehalten. Natürlich wollte Michael auch Kosmonaut werden.

Der Tisch wurde mehrmals gedeckt und immer wieder machten wir unsere Skizzen.

Plötzlich kam Michael an den Tisch, hantierte mit seiner Sparbüchse und brachte einige Münzen hervor.

„Onkel Wesselow, wenn du nach Hause fliegst, kommst du auch nach Moskau?“

„Ja mein Junge.“ Er streichelte ihm dabei über den Kopf.

„Dann kommst du doch auch zum Roten Platz.“

„Ja natürlich“, kam es im russischem Akzent heraus.

„Ich gebe dir mein Geld. Kaufst du dafür ein Blumensträußchen und legst es auf Gagarins Grab?“

Stille trat in unserer Runde ein. Dann fuhr der kleine Michael fort: „Reicht das für einen Blumenstrauß?“

Er legte ihm Groschen für Groschen in die Hand.

„Ja Michael, ja, das reicht, das reicht. Es ist genug.“ Wesselow drückte den kleinen Jungen an sich. Das hatte er nicht erwartet.

An diesem Abend skizzierten wir keine Entwürfe mehr.

Viele Jahre später kam ich wieder mit Professor Wesselow zusammen. Sein robuster sechsbeiniger Schreitroboter, für den Mond konstruiert, hatte in Tschernobyl erfolgreich gearbeitet. Die schnell eingeflogenen eleganten Importgeräte mit den modernsten Halbleitern hatten unter der ungeheuren Strahlungsdosis versagt.

Jetzt bereitete er sein intelligentes Kunsttier auf einen Ausflug zum Mars vor. Es mußte lernen Geröll zu erkennen und mit seinen Beinen wie eine Krabbe darüber zu kriechen.

Mitten in der Besprechung fixierte er mich.

„Genosse Gerbert, melden sie ihrem Sohn, sein Auftrag ist erfüllt. Ich habe es nicht vergessen, dieses Weihnachten bei euch.“

Die Fachdiskussion ging ungestört weiter.

Einige Jahre später war ich wieder in Leningrad. Mein Vortrag über ein neues Magnetmodell fand interessierte Zuhörer. Nun hatte ich noch einen Tag frei.

Warum sollte ich nicht den Institutsdirektor besuchen? Ich rief ihn an.

„Aber ja, kommen sie morgen gegen Mittag.“ Wesselow freute sich auf unsere Begegnung.

Der Pförtner in Uniform verlangte mein Dokument.

„Ah, Ojtetz Michaela.“ Ich war überrascht. Sofort meldete er mich dem Sekretariat. Man holte mich ab. In einem Institut voller Geheimnisse dürfen Gäste nicht allein herumlaufen.

Mit einem Trompetentusch wurde ich empfangen. In der Zimmermitte stand eine gedeckte Tafel mit vielen auserlesenen Häppchen, Stogramm-Gläsern und natürlich durften die russischen Wodkaflaschen nicht fehlen.

Eine unerwartete Freundlichkeit kam mir von allen Seiten entgegen. Bei den Anwesenden war ich wohl als Fachwissenschaftler bekannt, noch mehr aber als Vater des kleinen Michael. Die Überraschung war gelungen. In der Sowjetunion nutzte man gern jede Gelegenheit zu einer Feier mit Wodka.

Später wurde mir berichtet, wie Wesselow den Auftrag des kleinen Michael erfüllte. Das ganze Institut kannte die Geschichte.

Professor Wesselow wurde mit Kosmonaut Gretschkow nach Moskau beordert.

„Du, ich habe in Moskau einen besonderen Auftrag“, sagte er zu Gretschkow.

„Na, das kann ich mir denken“, sagte dieser. „Was sollen wir sonst in Moskau.“

„Nein, nicht was du denkst. Ich hab einen besonderen Auftrag eines kleinen deutschen Jungen.“

Gretschkow hörte sich die Weihnachtsgeschichte an und sagte: “Ja das müssen wir machen, selbstverständlich.“

Sie gingen ans Grab ihres Freundes Juri vor die Kremlmauer, verneigten sich an Gagarins Denkmal und Wesselow sagte bewegt: „Juri, das sind Blumen vom kleinen Michael aus Karl-Marx-Stadt. Er möchte auch Kosmonaut werden.“

Gretschkow ergänzte: „Juri, du fehlst uns. Warum hast du bei deinem Trainingsflug nicht besser aufgepasst.“

Sie verneigten sich in schmerzlicher Erinnerung vor ihrem Freund.

So hatten sie Michaels Auftrag gewissenhaft erfüllt. Dieses Ereignis hatte sogar in der Zeitung gestanden. Wesselow erzählte es immer wieder gern.

Dieser Auftrag hatte ihn besonders bewegt.

 

 

Der Reparaturauftrag

(kurze Fassung)

 

Mutti und Oma hatten unendliches Vertrauen in Vatis Fähigkeiten. Vati baute die Lampen, reparierte Geräte, machte Fahrräder ganz, baut den Trabi auseinander und wieder zusammen und wurde auch von den Nachbarn geholt, wenn irgend etwas defekt war. Das war für alle so selbstverständlich, dass Oma, Vatis Mutti, das Schlagwort prägte:

 „Gib’s dem Herbert, der kann’s.“

Der kleine Michael hatte ein altes Lenkrad von einem Traktor auf einer Schrottkippe gefunden und nahm es mit nach Hause. Unterwegs fragte ihn die Nachbarin: „Michael, was willst du denn mit dem alten Rad?“

„Ich baue mir daraus ein Auto“, war die Antwort.

„Aber Michael, das geht doch nicht.“

„Doch, doch - mein Vati kann das.“

Auch die kleine Christina nahm Vatis Fähigkeiten für ihr Spielzeug in Anspruch.

Wackelte das Puppenhaus , nagelte es Vati zusammen. Hatte der Puppenstuhl ein Bein verloren, leimte es Vati an. Selbst als der Puppenkopf, nach einer sehr schlechten Behandlung, abfiel, fand Vati heraus, wie man die Puppe wieder heil machen konnte.

Der Puppendoktor mit der großen Brille aus dem Fernseher brauchte nicht bestellt zu werden.

Tante Helga hatte uns in ihr neues Heim eingeladen. Sie arbeitete in einer Fabrik. Damit sie ihre Norm schneller schaffte und mehr Geld verdiente, legte sie, wenn der Meister nicht in der Nähe war, den störenden Schutz- bzw. Sicherheitsbügel der Maschine um. Dann konnte sie die Werkstücke schneller einlegen.

Irgendwann wurde sie mal von einer Kollegin abgelenkt und „Auaaa“ war ein Teil vom kleinen Finger ab.

Der Arzt konnte nur noch den Rest des Gliedes mit dem Fingernagel abnehmen und vernähen. Alles verheilte gut und Helga merkte kaum noch, dass dem kleinen Finger ein Glied fehlte.

Für die Kinder war in Tante Helgas Wohnung alles neu und interessant. Die Männer gingen in den Garten. Die Frauen saßen am Küchentisch und erzählten.

Nun merkte die kleine Christina, dass an Tante Helgas kleinem Finger etwas fehlte. Sie betrachtete die Hand und den gekürten Finger mit steigendem Interesse.

„Tante Helga, putt gemacht?“ Und nach einer kleinen Pause: “Komm!“

Sie zerrte die Tante nach draußen. Schon von weitem rief sie:

„Vati , Vati,  komm.“

Dann zeigte sie ihm den kurzen kleinen Finger, schaute Vati an und sagte fordernd und laut: „Vati!  Mach ganz.“

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Die Gurke

(gekürzte Fassung)

 

Christina ging gern mit Oma in die Stadt einkaufen. Omi war nicht so knickrig. Christina durfte sich dann oft was wünschen. Dafür half Christina beim Einpacken der gekauften Sachen und wenn es nicht so weit war, beim Tragen der Tasche.

Am liebsten ging Christina mit auf den Markt. Jeder Standverkäufer hat etwa anderes anzubieten und wirbt um die Käufer. Heute sollte Christina eine Schürze bekommen. Sie sollte doch der Oma in der Küche helfen.

Christina durfte alle Schürzen anprobieren. Es gefielen ihr viele. Omi drängte: "Such' dir nun endlich eine aus." Christina entschied sich für eine bunte. Sie bekam eine kleine Rolle aus grünem Papier, die fast so aussah wie eine Gurke aus dem Gewächshaus. Natürlich wollten sie auch noch Gemüse einkaufen. Oma kannte die Gemüsefrau sehr gut und machte meistens noch einen kleinen Plausch mit ihr.

Oma kaufte Blumenkohl, Zwiebeln und zwei Gurken. Christina lauschte auf jedes Wort. Oma aß für ihr Leben gern Gurken.

Die Verkäuferin nannte einen Preis. Oma kramte in ihrer Geldbörse und Christina durfte schon alles in den Korb packen.

"Auch ziehn'se doch noch ne' Gurke mehr ab. Meine Enkelin bleibt ja paar Tage", sagte Oma, während sie den Geldschein hinreichte.

"In Ordnung, nehmen sie sich noch eine weg." Sie überreichte der Oma das Restgeld.

Sie gingen los und Oma nahm beim Weggehen noch eine Gurke vom Stapel. Christina sagte erstaunt: "Au weija Oma." Doch Oma dachte der Korb sei für Christina zu schwer und meinte: "Gib mir den Korb. Ist doch zu schwer für Dich. Weißt du, wir gehen jetzt noch Eis essen. Dann ruhen wir uns etwas aus. Das Stehen und Rumlaufen macht eine alte Frau müde." Christina freute sich diesmal gar nicht darüber. Sie war mit ihren Gedanken beschäftigt, hatte offenbar ein Problem. Heimlich nahm sie aus dem Korb etwa Grünes, versteckte es vor der Oma, lief den kurzen Weg zum Gemüsestand zurück und kam erleichtert wieder. Nun fühlte sie sich wohler.

Es war schon ziemlich spät, als sie in die Straßenbahn einstiegen.

Die Straßenbahn fuhr am Gefängnisgebäude vorbei. Christina wusste, dass ihre Oma früher hier gearbeitet hatte und sagte: „Nicht wahr Oma, früher musstest du öfter hier her.“

Die Mitfahrenden schauten sich nach der alten Frau um. Einer sagte leise: „Traut man der Alten gar nicht zu.“

Der Zufall wollte es, dass die Gemüsefrau auch in die gleichen Bahn einstieg. Christina war zuerst erschrocken. Aber Oma unterhielt sich mit der Verkäuferin ganz zwanglos und lobte ihre kleine Enkelin wegen der guten Noten in der Schule. Dabei zwinkerte sie ihr freundlich zu. Christina schien zu verstehen. Sie deckte die drei Gurken mit einem Tuch zu.

Christina atmete erleichtert auf, als die Verkäuferin ausstieg. Dann sagte sie ganz erlöst: "Nich’ Oma. Das hätte aber schief gehen können. Das war doch die Frau bei der du die Gurke gemaust hast."

Alle schauten die alte Frau an. Oma wurde rot und sagte: "Aber Kind, wie kommst du denn darauf? Die Gurken haben wir doch gekauft." 

"Ja Oma, zwei, die dritte hast du geklaut. Ich hab's doch geseh’n. Du hast zwei bezahlt  und wir haben drei im Korb."

"Nein Kind, ich hab' alle drei bezahlt", verteidigte sich Oma. Jetzt mischten sich einige Männer ein und meinten: "Na, das wollen wir doch mal sehn. Haben Sie denn den Kassenzettel?" Natürlich hatte Oma keinen Kassenzettel vom Markt. Viele nickten der kleinen Christina zu. In ihren Mienen konnte man lesen: Armes Kind, was hast du bloß für eine Oma? Du bist aber richtig.

Der Schaffner kam dazu. Er und kein anderer hatte hier zu überprüfen. Die Straßenbahn wurde angehalten, da man vermuten konnte, daß die Verkäuferin, die Zeugin zur Sache, in die gleiche Richtung weiter gegangen war. Man wartete und wartete. Die Auto - Schlange wurde immer länger. Das Geschimpfe wurde lauter und ärgerlicher. Jemand vermutete einen Verkehrsunfall. Das Ambulanzfahrzeug bahnte sich  den Weg. Die Verkehrspolizei suchte nach dem geflüchteten Fahrer.

Endlich kam auch die Verkäuferin. Man nahm sie sofort als Zeugin vorläufig fest. Doch sie wusste nichts von einem Unfall. "Ach die Frau mit der Enkelin? Ja, die habe drei Gurken gekauft und auch bezahlt. Wo ist da ein Problem?"

Oma entdeckte nun, dass die Kinderschürze aus dem Korb verschwunden war. "Hilfe, Diebe, man hat uns bestohlen."

"So ist's richtig. Selber klauen und dann andere beschuldigen", sagte jemand.

„Na was kann man den schon von so einer erwarten, die schon mehrmals im Knast war,“ hörte man sagen.

Auf dem Polizeirevier vernahm man viele Personen. Man kam nicht zum Kern der Angelegenheit.

Endlich sagte die kleine Christina ganz leise zum Polizisten: "Weil meine Oma so gerne Gurken ißt, habe ich doch meine neue Schürze der Verkäuferin hingelegt. Die ist doch mehr wert als eine Gurke. Und Oma sollte doch nicht ins Gefängnis, nur weil sie so gerne Gurken isst."

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Die Süße

(gekürzte Fassung)

 

Ach, wie war doch die kleine Gertrud selig, wenn sie ihre Groschen auf die Theke legen konnte und dafür die ersehnten Bonbons bekam. Die Tante ermahnte sie zwar, dass Süßigkeiten die Zähne kaputt machen, aber das akzeptierte Gertrud nicht. Ihre Zähne waren gesund und Bonbons schmecken doch so gut. Sie bekam immer mal welche geschenkt und teilte sie auch mit ihren Freundinnen.

Dann kam der Krieg. Zucker gab es nur noch auf Zuteilung. Manchmal zweigte Mutti ein wenig für Gertruds Wünsche ab.

Zum Geburtstag bekam Gertrud einige der selten gewordenen Bonbons. Dann sagte Mutti: „Kind wir dürfen unseren Zucker nicht nur für dich verbrauchen. Den Zucker benötigen wir, um Kartoffeln bei den Bauern einzutauschen.“

Wenn Zucker so knapp ist, warum wird dann nicht mehr angebaut, sagte sich Gertrud. Sie fragte ihre Mutter: „Mutti wie sehen Zuckerpflanzen aus?“

„Mein Kind, das weiß ich auch nicht so genau. In unserem Klima wird Zucker wohl aus Zuckerrüben und in den warmen Ländern aus Zuckerrohr gewonnen.“

„Und warum baut man so wenig Zuckerpflanzen an?“

„Weil man anderes dringender braucht.“

Aha, es könnte mehr Zucker angebaut werden. Man muss nur wollen, dachte sie sich. Sie wollte selbst ihrem Zucker anbauen und daraus Bonbons machen.

Wenn Mutti wieder Radieschen säte, würde sie zwischen den Reihen und am Rand der Kiste den Platz nutzen. Keiner sollte es wissen, bis die Ernte reif wäre. Dann hätte sie genug Zucker und könnte noch etwas zum Tausch für Kartoffeln abgeben.

Als Mutti das Säen beendet hatte, ging Gertrud heimlich an den Küchenschrank, nahm eine Hand voll Zucker aus der Dose und streute ihn über das ganze Beet. Dann kratzte sie die Körnchen ein, so wie es Mutti mit dem Samen getan hatte.

Täglich beobachtete Gertrud das Beet. Manchmal goss sie noch eine kleine Gießkanne Wasser zusätzlich drauf, denn Mutti konnte ja nicht wissen, dass in der Erde mehr Samen war.

Mit der Reihe Radieschen kamen auch hier und da kleine grüne Spitzen aus der Erde. Gertrud freute sich. Der Zucker geht auf. Nun werden die Eltern und ihre Freunde staunen, wenn sie ihn ernten wird. Nie mehr wird es Mangel an Zucker im Hause geben.

Mutti konnte sich das große Interesse ihrer kleinen Tochter an dem Radieschenbeet nicht erklären. Sie glaubte die zukünftige Gärtnerin in ihr zu erkennen. Dann passierte etwas schreckliches. Die Mutter begann die grünen Spitzen aus dem Beet zu zupfen.

„Mutti, Mutti. Mach das nicht. Nein, nein, du weißt ja nicht, was das ist.“

Die Mutter war erstaunt. „Es ist Unkraut, Kleines. Das muss man entfernen, sonst gedeihen die Radieschen nicht.“

Aber Gertrud flehte so sehr, dass die Mutti das Beet in Ruhe ließ.

Die zarten Spitzen wurden größer. Gertrud fand, das die Zuckerpflanzen aber ganz unterschiedlich aussahen. Aha, einige werden wohl Zuckerrüben und andere werden Zuckerrohr werden, dachte sie. Sie bestand darauf, das Beet allein zu pflegen. Mutti freute sich über Gertruds Eifer und überließ ihr die Kiste. Sie wollte auf diese Radieschen verzichteten.

In der Kiste wurde es immer grüner. Die Radieschen wurden von den anderen Pflanzen überwuchert. Gertrud freute sich heimlich auf ihre Zuckerernte.

Sie beobachteten gemeinsam die kleinen Knospen und später die zarten Blüten. Dann entstanden an einigen Pflanzen kleine Schoten.

Darin wird der Zucker sein, dachte Gertrud. Aber sie verriet nichts von ihrem Geheimnis. Heimlich machte sie eine Schote auf, um zu sehen, wie der Zucker entsteht. Diese weißen weichen Körnchen sollten Zucker werden. Die schmeckten ja ganz bitter.

„Mutti, wann sind denn Früchte süß?“

„Wenn sie richtig reif sind.“

Ja so hatte sich Gertrud das erklärt. Ihre Früchte waren noch nicht reif. Sie musste noch warten.

Gertrud untersuchte auf den Feldern der Bauern alles, was so aussah wie ihre Zuckerpflanzen. Doch keine war süß. Am besten schmeckten noch die grünen Erbsen. So konnte sich Gertrud ihre Zuckerpflanzen auch vorstellen. Sie fragte ihren Onkel: „Onkel Karl, hast du Zuckerrüben gesät?“

 „Vielleicht sind welche zufällig bei den Futterrüben dabei.“

„Ich habe auch Zucker gesät“, verriet Gertrud erstmalig ihr Geheimnis.

„Aber Kind, Zucker sät man doch nicht. Zucker wird aus dem Saft der Rüben gewonnen.“

 „Meine Zuckerpflanzen haben schon weiße Körnchen. Nur süß sind sie noch nicht.“

Onkel Karl wollte das nicht glauben.

„Aber ja“ bekräftigte Gertrud. „Ich habe Zucker in Muttis Radieschenkiste gesät. Der ist aufgegangen, hat geblüht und nun hat er kleine Schoten, wie eure Erbsen nur kleiner. Aber die Radieschen sind eingegangen.“

In den nächsten Tagen besichtigte Onkel Karl das Zuckerbeet. Mutti wusste nun, warum ihre Tochter so sehr an dem Beet mit den Radieschen interessiert war.

Den Misserfolg dieses Versuches der kleinen Gertrud schob man den Radieschen zu. Sie hatten die Zuckerpflanzen verdorben.

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Der erste Kirchgang

(Kurzfassung)

 

Christina hatte eine große Oma und eine kleine Omi. Die große Oma glaubte an den Teufel im Menschen, die kleine an den lieben Gott im Himmel.

Als die große Oma starb, fragte Christina, wo denn die Oma jetzt sei. Sie erhielt von der Omi die Antwort: „Gute Menschen kommen in den Himmel.“

Christina schaute nach oben: „Ich hab’ aber noch nie einen Sarg da oben fliegen sehen.“ Omi erklärte, dass Särge nicht fliegen. Die unsichtbare Seele der Oma sei in den Himmel gekommen. Wie, dass wisse man nicht so genau. Das hat der liebe Gott den Menschen nicht verraten. Nur, dass die guten Menschen in den Himmel und die bösen in die Hölle kommen.

Zum Sonntagsgottesdienst spazierten beide den holprigen Fußweg zur Dorfkirche hoch.

Die Menschen in der Kirche waren sehr leise. Christina schaute sich neugierig um.

„Omi, was machst du“, flüsterte sie. „Ich bete“, kam leise die Antwort.

Christina faltete ihre Hände und bewegte auch ihre Lippen.

Dann setzten sich beide und warteten.

„Omi, kommt jetzt der liebe Gott?“

„Nein, der liebe Gott ist immer überall mein Liebes.“

„Hier auch?“

„Ja, hier auch.“

„Ich kann ihn aber nicht sehen.“

„Der liebe Gott ist unsichtbar, meine Gute.“

Eine Weile schwiegen beide. Eine heilige Ergriffenheit erfasste die Menschen.

„Omi, wer ist das da am Kreuz?“

„Das ist Jesus Christus, der Sohn Gottes.“

„Warum ist der dort angehängt?“

„Ach, das ist eine schlimme Geschichte. Der Sohn Gottes wurde gekreuzigt.“

Christina schaute eine Weile schweigend und voller Mitleid den geschundenen Mann mit der Dornenkrone an. Dann fragte sie: „Ist das am Kopf, an den Händen und an den Füßen Blut?“

„Ja, mein Kind. Man hat ihn an das Kreuz genagelt.“

„Aber das tut doch weh“, empörte sich Christina. „Wer hat das gemacht?“

„Menschen, die ihn nicht verstanden haben.“

„Die waren aber böse.“

Plötzlich fragte sie heimlich flüsternd: „Omi, sind wir hier im Gefängnis?“

„Wie kommst du denn darauf?“ „Weil alle Fenster vergittert sind.“

„Die Gitter sollen die wertvollen Fensterscheiben schützen.“

Christina wurde ermahnt, stille zu sein. Das Kind fand aber keine Ruhe und fragte weiter:

„Omi, warum sind denn die Fenster so bunt?“

„Die meisten Kirchen haben bunte Fenster. Das sind Geschichten aus der Bibel, zu Ehren Gottes.“

„Wohnt der liebe Gott hier?“

„Ja, mein Kind, auch hier.“

Dann kam der Pfarrer. Er eröffnete den Gottesdienst nach der vorgeschriebenen Liturgie, halb sprechend, halb singend.

„Omi, ist das der liebe Gott?“

„Nein, das ist der Pfarrer.“

„Ist das ein Mann oder eine Frau?“

Omi gab keine Antwort und Christina stellte für sich fest: „Der Stimme nach ist das ein Mann. Der hat aber ein Kleid an.“

Flüsternd wurde ihr erklärt: „Pfarrer tragen so etwas. Man nennt es Talar.“

„Omi, warum singt der Pfarrer so komisch?“

„Sei ruhig und höre zu, was der Pfarrer sagt.“

Nach einer Weile meldete sich Christina wieder:

„Omi, der hat aber eine liederliche Mutti.“

 „Wie kommst du denn darauf?“

„Na guck dir doch den seine Ärmel an, wie die rumschlampern.“

Der Pfarrer stieg auf die Kanzel und hielt seine Predigt. Christina wurde immer leiser. Schließlich fasste sie sich in Geduld.

Die Predigt handelte von der Verführung des Adam mit dem Apfel und von der Erbsünde wegen des Ungehorsams der ersten Menschen.

Christina war verwundert.

„Omi, darf man denn keine Äpfel vom Baum essen?“

„Ja aber im Paradies hatte es Gott verboten.“

„Die Äpfel waren wohl gespritzt?“

Nun wurde es der Frau zu viel. Energisch flüsterte sie: „Sei doch endlich ruhig. Das verstehst du noch nicht.“

Eine Weile blieb Christina ruhig. Dann konnte sie es doch nicht mehr aushalten.

„Omi, was ist denn Sünde?“

„Alles Böse und Schlechte, manche Fehler der Menschen und - wenn du in der Kirche so viel schwatzt“

Au, das war hart. Christina schwieg eine ganze Weile. Sie überlegte:

Das Austreiben der beiden Ungehorsamen aus dem Paradies leuchtete ihr ja ein. Für Ungehorsam musste Strafe sein. Aber warum Erbsünde und Erbstrafe für alle?

Nun sprach der Pfarrer über die Erlösung von der Erbsünde durch den Opfertod von Jesus und vom ewigen Leben im Jenseits. Christina wiederholte leise für sich die Wörter:

„... gekreuzigt, gestorben, begraben,

 ... vom Tode auferstanden, zum Himmel gefahren ... „

Ja, so könnte wohl auch die große Oma irgendwie in den Himmel gekommen sein.

Ungeduldig wartete sie auf das Ende der Predigt.

Endlich gab der Pfarrer das Abschlusslied bekannt.

Mit dröhnenden Akkorden setzte die Orgel ein. Sie übertönte den Gesang der kleinen  Gemeinde. Auch Christina stimmte laut mit einem kräftigen „La, la, la, la“ in die geräuschvollen Melodie ein. Sogar der Pfarrer musste über die eifrige Sängerin schmunzeln.

Nach der Segnung der Gemeinde verabschiedete der Herr Pfarrer jeden Besucher einzelnen am Ausgang.

Christinas Hand hielt es etwas länger und fragte: „Na kleines Fräulein wie heißt du denn.“  Christina nannte artig ihren Namen.

„Du hast ja deiner Oma sehr viele Fragen gestellt. Weißt du denn jetzt alles?“

Christina war überrascht. Sie fühlte, dass ihre Fragerei dem Herrn Pfarrer wohl auch nicht willkommen war und fragte erschrocken zurück:

„Kommt die Oma jetzt in die Hölle?“

Der Pfarrer lächelte beruhigend: „Aber nein. Deine Oma ist doch eine liebe und fromme Frau. Sie kommt oft hier her. Du warst wohl heute zum ersten Mal in einer Kirche?“

Christina bestätigte die Frage und korrigierte sogleich:

„Das hier ist meine kleine Omi.“

Dann fügte sie leise hinzu: „Wir haben heute für meine große Oma gebetet, dass sie in den Himmel kommt.“ Nach einer kurzen Pause sagte sie: „Und ich möchte gern wissen, wie das vor sich geht.“

Der Pfarrer schwieg eine Weile und dachte nach. Was sollte er darauf sagen?

Das war wohl für Christina etwas zu lange und sie setzte nach:

„Was denn? Sie wissen das wohl auch nicht?“

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Am(e)isen

 

Die kleine Ilona fühlte sich so allein. Sie hatte niemanden zum Spielen. Im Sandkasten und im Garten war es ihr langweilig. Ilona buddelte tiefe Löcher, machte Teiche, Pampe und baute Burgen, die sie bald wieder zertrampelte. Dann entdeckte sie etwas Entsetzliches. Ameisen hatten sich im Sandkasten ein Nest gebaut und verteidigten es, indem sie Ilona zwickten. Ilona wollte nicht mehr in diesem Sand spielen.

Sie weinte und sagte wütend: „Die Amisen haben mich gezwickt. Das brennt so. Mit denen spiele ich nicht mehr.“

Sie wünschte sich nun ein kleines Schwesterchen zum Spielen. Doch wie kommt man zu einem Baby?

„Mutti, man kann doch alles kaufen. Wo kann man ein Baby kaufen“, fragte sie.

„Babys kann man nicht kaufen. Die werden gebracht“, antwortete ihre Mutter.

„Und wer bringt sie?“ Mutti wollte nicht so recht mit der Sprache raus.

Onkel Epsi wusste Rat. „Man sagt, Babys bringt der Storch. Du mußt eins bei ihm bestellen.“

„Und wo ist der Storch“, fragte Ilona weiter.

Onkel Epsi fuhr mit ihr an das Ende des Dorfes, wo die nassen Wiesen waren. Er zeigte ihr das Storchennest auf einer Bauernscheune.

„Sieht du, dort ist das Storchenpaar, das die Babys bringt. Du musst nur laut rufen, was du dir wünschst. Was möchtest du denn haben?“

„Ich möchte ein blaues Baby“, antwortete sie.

„Ein blaues? Wie denn das“, fragte Epsi zurück.

„Ich möchte ein Baby haben, dass so lustig ist wie du.“

„Wie ich? Wieso denn?“

„Na, weil ich dich ganz toll lieb Hab'. Und Mutti sagt, dass du oft blau bist.“

Onkel Epsi erklärte ihr, dass es keine blauen Babys gibt und sie die Mutti sicherlich falsch verstanden habe.. Er sei nicht blau. Die Mutti übertreibe. Er sei höchstens angeheitert.

„Ein Baby kann man nicht nach Farben wählen. Man kann sich nur ein Schwesterchen oder ein Brüderchen wünschen.“

Onkel Epsi lehrte seiner kleinen Nichte die Verschen, die zu rufen sind.

Ilona rief voller Inbrunst: “Storch, Storch bester bring' mir eine Schwester.“

Nun wollte sie täglich zum Storchennest. So oft sie einen Storch sah, rief sie lautstark ihr Verschen.

Da Onkel Epsi nicht immer Zeit hatte, bestand Ilona darauf, dass Mutti sie täglich zum Storchennest begleitete.

Ilona beobachtete, wie die Störche vom und zum Nest segelten, wie sie ihre Jungen fütterten und wie sie gelegentlich klapperten. Aber ein Schwesterchen brachten sie ihr nicht.

„Wann bin ich denn dran,“ fragte sie ungeduldig, „das kann doch nicht so lange dauern.“

Mutti erklärte ihr, dass nicht jeder Wunsch erfüllt werden kann. Sie müsse darüber mal mit Vati reden.

„Mit Vati? Was hat denn der damit zu tun? Vati hat gesagt, er braucht nicht zu rufen.“ Zu diesem Erkenntnisstand schwieg die Mutti.

Als das Baby so lange nicht kam und Ilona traurig wurde, wusste Onkel Epsi wieder Rat. „Vielleicht wissen die Störche nicht wo du wohnst. Du musst Zucker auf das Fensterbrett streuen. Dann finden dich die Störche.“

Ilona war begeistert. Sie streute Zucker auf die Fensterbretter und ging wieder zum Nest, um zu rufen. Doch die Störche reagierten nicht darauf. Sie segelten wie immer zu den nahen Wiesen, wateten im Sumpf, gingen scheinbar spazieren  und schnappten von Zeit zu Zeit in das hohe Gras. Dann flogen sie wieder zu ihrem Nest.

Mutti erklärte ihr, dass die Störche von der Wiese Frösche, Mäuse und Käfer für ihre Jungen holen.“

Ilona war empört: „So. Für ihre Jungen holen sie Frösche zum Spielen aber mir bringen sie keine Schwester.“

„Du musst Geduld haben. Vielleicht haben sie sehr viele Bestellungen.“

Ilona wartete, rannte täglich zu den Fensterbrettern und kam immer enttäuscht zurück. Schließlich vergaß sie ihren Zucker.

Nach einigen Tagen fragte Onkel Epsi: „Na Ilona, hat dir der Storch immer noch kein Schwesterchen gebracht?“

Schnell rannte sie zu den Fenstern und kam wieder sehr enttäuschten zurück.

„Na was ist denn,“ fragte Epsi interessiert. „Ist kein Baby da?“

Laut und trotzig antwortete sie: „Nee. Amisen hat er gebracht. Die ganzen Fenster sind voller davon. Und wir haben schon so viele im Garten.“

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Gibt es den Weihnachtsmann?

 

„Opa! Gibt es den Weihnachtsmann wirklich“, fragte die kleine Annett.

„Aber sicher“, antwortete der alte Mann. „ Er bringt euch doch jedes Jahr  Geschenke.“ Annett blieb skeptisch. „Ja weißt du Opa, der letzte Weihnachtsmann hatte Vatis Schuhe an. Und die Armbanduhr war auch die gleiche wie sie Vati hat. Wenn er allen Kindern Geschenke bringt, dann kann er sich doch wohl selber Schuhe und eine Uhr kaufen.“

Opa erklärte, dass der Weihnachtsmann am Heiligen Abend bei so vielen Kindern gleichzeitig sein muss, da bittet er schon mal den einen oder anderen Vati ihn zu vertreten. Oder vielleicht leiht er sich auch mal dies und das aus.

„Aber die Brille und der Fingerring war auch vom Vati“,  erwiderte Annett.

Opa überlegte eine Weile, dann sagte er: „Kann ja sein, dass die großen Weihnachtsmänner oft Väter, Onkels oder Opas sind, aber die kleinen Weihnachtsmänner, die sind ganz bestimmt echt. Das habe ich selbst erlebt.“

Opa erinnerte sich an seine Kindheit und fing an zu erzählen:

„Es war im kalten Winter 1944. Meine Eltern hatten der Naziwerbung in Russland geglaubt und sind der Losung „Heim ins Reich“ gefolgt. Man hatte ihnen Land und Bauernhöfe im Großdeutschen Reich versprochen. Niemand fragte, woher die wohl seien. Nach langem Kampieren in verschiedenen Massenlagern, bekamen sie einen Bauernhof in dem Dorf Wilhelmswald bei Litzmannstadt zugewiesen. Die polnischen Besitzer sind nachts von SS-Truppen vertrieben worden. Die polnischen Bauern hatten diese Aussiedlungen erwartet und vieles schon heimlich beiseite geschafft. So waren die Bauernhöfe ziemlich leer und wir litten schon vor dem Wintereinbruch ziemliche Not. Die ortsansässigen Volksdeutschen waren uns wegen der Aussiedlung ihrer polnischen Nachbarn ziemlich gram und wenig wohl gesonnen. Unsere Eltern trauten sich kaum aus dem Haus. Ihren Gottesdienst verrichteten sie zu Hause. Wir Kinder wurden als Russendeutsche beschimpft.

Das erste Weihnachten auf einem fremden Bauernhof ohne Kontakt zu den Einheimischen war sehr traurig. An Geschenke für uns Kinder war nicht zu denken. So saßen wir am Heiligabend um den kleinen eisernen Kanonenofen und heizten ihn mit Strohbündeln durch die offene Ofentür. Das ständig auflodernde Strohfeuer lieferte uns angenehme Wärme und etwas Licht. Petroleum für die Lampe hatten wir nicht. Die Eltern und die größeren Geschwister sangen leise Lieder vom armen Christuskind und von Gottes Liebe.

Die Mutter sprach ein Gebet und bat den lieben Gott um Vergebung unserer Sünden, die wir ungewollt auf uns geladen hatten. Sie schloss auch die vertriebenen, uns unbekannten polnischen Vorbesitzer in ihr Gebet ein.

So feierten wir am Ofenfeuer unser Weihnachten, ganz einsam im Kreis unserer verbliebenen Familie. Plötzlich klopfte es an der Haustür. Wir erwarteten nichts Gutes und schreckten zusammen. Die Tür wurde langsam und vorsichtig geöffnet. Soweit wir in der Dunkelheit erkennen konnten, schaute ein kleiner Weihnachtsmann neugierig in unseren Raum.

Dann schob sich ein zweiter Kopf über den ersten. Vorsichtig kamen die zwei kleinen Weihnachtsmänner in unser spärlich beleuchtetes Zimmer. Sie traten ein paar Schritte vor. Mit den großen Stiefeln hatten sie ihre Mühe beim Gehen. Sie sahen unseren Kreis um den Ofen und der Kleinere stammelte mit tiefer kratziger Stimme: ‘Draußen vom Walde kommen wir her. Wir sagen euch, es weihnachtet sehr.....’. Dann schauten sie sich gegenseitig an, als wüssten sie nicht so recht weiter und nickten einander zu. Schließlich schütteten sie den Inhalt ihrer Säcke auf den Fußboden und verschwanden eilig nach draußen. Eine Totenstille trat in unsere Runde ein. Niemand hatte eine solche Überraschung erwartet. Wir Kinder stürzten uns auf die Tüten, rissen sie auf und freuten uns über den Inhalt. Niemand traute sich, den kleinen Weihnachtsmännern nachzuschauen. Am nächsten Morgen waren ihre Spuren im Schnee verweht. Keiner konnte diese Überraschung erklären. Wir kamen zu der Überzeugung: Es müssen doch richtige Weihnachtsmänner gewesen sein, vielleicht Lehrlinge. Und das glaube ich bis heute.“  Annett hatte sich die Geschichte mit Interesse angehört. Sie ging zu ihrer größeren Schwester und sagte: „Du Katrin, ich denke der Opa glaubt wirklich an den Weihnachtsmann.“

„Na Logo, er kriegt ja auch jedes Jahr sein Geschenk“, kommentierte die Große.

Annett hat über diese Erzählung in der Schulzeitschrift, die mit andere Schulen ausgetauscht wurde, berichtet. Kurz vor den Weihnachtsferien kam ein Brief an die Schülerin Annett.

Ein anderer Opa berichtete:

„Ja, an dieses verschneite Weihnachten im letzten Kriegsjahr kann ich mich noch gut erinnern. Wir lebten schon seit Generationen in diesem Dorf Borowo bei Lodz. Mein Schulfreund Ewald und ich hatten für unsere Geschwister Geschenke gebastelt. Unsere Mütter hatten für die Weihnachtstage Brot, Stollen und Kekse gebacken und für uns Kinder Bonbons aus Zuckerrüben gemacht. Jedes Kind sollte eine Tüte mit Nüssen, Äpfeln, Birnen, Plätzchen und diese Rübenbonbons bekommen. Hunger kannten wir Bauernkinder ja nicht aber Nascherei war eben doch selten in diesen Kriegsjahren. Unsere Väter mussten auch über Weihnachten an der Front bleiben. So sollten wir größeren Jungen Weihnachtsmann spielen. Da kam mir eine Idee. Ewald war auch gleich dabei. Wir hatten ja zu essen. Aber bei den neuen Nachbarn, die im Dorf so gemieden wurden, war die Not groß. Deshalb schenkten wir unseren kleinen Geschwistern und den Müttern das Gebastelte und machten uns auf den Weg zu der ärmsten Familie der Schwarzmeerdeutschen mit ihren zahlreichen Kindern, die Tureks Hof zugewiesen bekommen hatten. Dort taten wir, was Annett so schön beschrieben hat.

Dass wir damals als kleine Weihnachtsmänner wenig sagten, lag an unserer Aufregung. Schließlich waren wir in dieser Aufgabe ungeübt. Es ist mir eine große Freude und Genugtuung, dass diese kleinen Weihnachtsmänner in Erinnerung geblieben sind.“

Annett zeigte ihrem Opa freudig den Brief.  Triumphierend fragte sie:

„Na Opa, glaubst du immer noch an den Weihnachtsmann?“

 

 

Gegen Gewalt und Krieg

Ich habe in meinem Leben zu viel

gehört, gesehen und erlebt,

um zum Thema

Verführung zur Gewalt

zu schweigen.

 

Er war siebzehn

(gekürzte Fassung)

 

Eigentlich war er noch ein verspieltes Kind als er den berüchtigten Brief erhielt. Blass betrat er das Wohnzimmer. Die Mutter schluchzte auf als er mit dem Einberufungsbefehl kam. Nun holten sie ihren Jüngsten auch noch weg. Der Krieg tobte an der Ostfront schon unendlich lange vier Jahre. Sein ältester Bruder, die Stütze für den kleinen Bauernhof und für ihr Alter kam als Krüppel zurück, wurde bald bei der Reichsbahn verpflichtet. "Räder müssen rollen für den Sieg", war an seinem Stellwerk groß zu lesen. Nun holten sie ihren Jüngsten mit seinen knapp siebzehn Jahren.

Die Ausbildung für den Einsatz im Osten war hart und kurz.

"Jungs es geht um euer Leben", sagte der Feldwebel.

"An der Front fliegt viel Blei in der Luft rum. Es liegt an euch dem auszuweichen." Sie lernten töten, mit den ungeahntesten Mitteln und Methoden. Vernichten, was sich bewegt, und wenn es eine Katze sei. Zerstören, was sich über der flachen Erde abhebt. Nichts aber auch gar nichts an Schützendem dem Feind, den bolschewistischen Untermenschen, überlassen. Ihr Training erschien ihm so sinnlos, fremd und bar allem, was er bisher in seinem Dorf gesehen und erfahren hatte.

Am Ende waren sie großzügig, die Ausbilder, die nie an der Front waren. Zwei Tage Heimaturlaub in schneidiger, sauberer Uniform, die allein schon die stramme Haltung abverlangte. Die zu Hause sollten sehen, was in drei Wochen aus den Jungs geworden ist.

Vor dem ersten Angriff wurden die Neuen zusammenbefohlen. Mit wenigen Worten sollten die bekannten Ausbildungslücken gemindert werden.

"Hallo Jungs, von der letzen Sendung sind nicht mehr viel übrig", begann der Gruppenführer. "Ihr müsst euch zusammenhalten, wenn es von allen Seiten kracht und donnert. Seid nicht neugierig, hebt eure Nase nicht über den Grabenrand solange es heult. Stürmt in vorgeschriebenen Bereichen. Links und rechts ballern unsere eigenen MGs, um die Iwans niederzuhalten. Manchmal kommen die wie eine geschlossene Wand auf uns zu. Dann halten unsere MGs rein und die fallen wie die Fliegen. Die müssen nämlich bei totalem MG-Feuer stürmen. Wenn's zum Nahkampf kommt, total brutal sein. Wenn ihr ihn nicht erwischt, erwischt er euch, der Iwan."  Das war alles was die Neuen, Kinder wie Greise, wissen sollten.

Die  Salven der vorbereitenden Artillerie waren noch nicht verklungen, als der Gruppenführer zum Sturmangriff befahl. Befehl ist Befehl hat man ihnen eingetrichtert, auch wenn es ans eigene Leben ging. Man sollte an die anderen denken, an die Kommandeure, die ja viel bedeutender in der Kampfhandlung seien. Bei Nichtdurchführung eines Befehls drohte das kurze Standgericht, das war immer der Tod, hier an der Front.

Kaum waren sie über den Rand des Schützengrabens gekrochen, knatterten auch die MGs auf der anderen Seite los.

Die ersten Kameraden fielen, teils lautlos, teils erbärmlich schreiend. Doch jetzt war nicht die Zeit nach ihnen zu schauen. Der Krieg forderte seine Opfer. Er warf sich hin, suchte nach Deckung, so wie es ihm gelehrt wurde. Doch er hatte keine Zeit mehr eine Entscheidung zu treffen. Vorwärts lautete der Befehl. Er stürmte. Ein kurzer Schmerz durchzuckte seinen Rücken.

Ihm wurde so seltsam warm. Seine Wahrnehmung schwand in einem dumpfen Donnern, Dröhnen und Knattern. Die Schreie der Verwundeten erschienen ihm unwirklich  und ganz aus der Ferne. Er nahm noch wahr, das er stürzte, zusammensackte.

Als er auf der kalten Erde erwachte, war es dunkel und er spürte den Schaum in seinem Mund und auf den Lippen. Es war ruhig um ihn herum. Weiter hinten hörte man einzelne Schüsse. Sein Gewehr war weg. Das, auf was der Soldat an der Front am meisten zu achten und was er zu pflegen hatte, war weg. Das konnte für ihn unangenehm werden. Unweit von ihm lag ein Offizier; die Pistole noch fest in der Hand, der Leib zerfetzt. Vorsichtig robbte er hin. Warmes Blut sickerte erneut aus seinem Rücken und aus der Brust. Er war so schrecklich müde, schlapp, ohne Kraft. Soviel wusste er nun. Er hatte einen Lungenschuss, also ruhig und flach atmen. Keine körperlichen Anstrengungen, hatte ihm ein älterer Kamerad vor dem Sturmangriff gesagt.

Er nahm die Pistole an sich und rutschte vorsichtig in den nächsten Krater. Hier wollte er abwarten. Vielleicht würde man das Feld noch absuchen, ihn finden. Im kleinen Wäldchen weiter hinten wurde plötzlich heftig geschossen.

Was hatte ein junger Kamerad, der schon vor ihm in diese Hölle geschickt worden war, erzählt?  In dem Wäldchen hatten ihn vorige Nacht zwei Iwans erwischt. Plötzlich waren die Beiden hinter ihm und schrieen "Chände hooch". Er war so erschrocken, dass er beinahe die MPi fallen gelassen hätte. Doch schlagartig durchzuckte ihn ein Gedanke: Schieß. Ruckartig drehte er sich um, feuerte und ließ sich fallen. Dann horchte er in die Stille. Die Beiden regten sich nicht mehr. Er hatte sie erwischt. Sie waren nicht mehr zum Abdrücken gekommen. Es müssen Frontneulinge gewesen sein. Sonst hätten sie eher auf ihn geschossen oder ihn von hinten abgeknallt - ihr Pech; so einfach ist das im Krieg. Dieser Frontkamerad hatte es mit Freuden erzählt, fühlte sich als Germanen-Held, den Iwans überlegen.

Eigenartige Gedanken kamen ihm, dem Neuling, in den Sinn. Was hätte er in dieser Situation getan. Hätte er auch geschossen? Gefangenschaft kam nicht in Frage. Man würde ja wohl sowieso alle Gefangenen erschießen. Von beiden Seiten, wie man so hörte. Er hatte ja noch nicht einmal einen Russen gesehen und sollte auf sie schießen, sie erstechen. Weshalb? Warum?

Das atmen fiel ihm schwer. Würde er hier sterben müssen?

Dem Krater näherte sich ein Schlürfen und Stöhnen.

Jemand kam mit großer Beschwerlichkeit näher. War es ein Freund?   War es ein Feind?  Langsam und um Stille bemüht schloss er die Hand fester um den Pistolengriff. Würde er schießen müssen? Hatte der Offizier noch was im Magazin gelassen, bevor er fiel? Er konnte das jetzt nicht überprüfen. Das knacken könnte ihn verraten. Ihm war so gar nicht nach Kampf. Aber leben, ja leben, das wollte er, trotz alle dem. "Trotz alle dem?"  Wer hatte doch das gesagt?

Unweit vom Kraterrand bewegte sich etwas auf ihn zu. Wahrscheinlich schleppte sich ein Mensch mühsam vorbei. Jetzt konnte er etwas sehen, eine Pelzmütze. Der rote Stern schob sich über den Kraterrand. Ihm stockte der Atem. Er schloss die Augen. Nein, nein, das darf nicht sein. Er war so schlapp, so schrecklich schwach.

Doch dann riss er die Augen erschreckt weit auf. Was wird geschehen? 

Ein Mensch, schrecklich zugerichtet, stand gebeugt vor dem Kraterrand. Er sah ihn an, traurig, enttäuscht, am Ende seiner Kräfte. Das rechte Bein war zerfetzt, die Knochen zertrümmert. Das Gewehr diente ihm als Krücke. Er hatte auch Schutz im Krater erhofft. Nun begegnete er diesem jungen Stürmer mit der schussbereiten Pistole auf ihm gerichtet und dem roten Schaum um den Mund als hätte er gerade jemanden lebendig verspeist. Noch zielte keiner. Beiden fehlte die Kraft dazu. Vielleicht war es auch eine Eingebung, entstanden aus dem Unsinn dieser Situation. Sekunden wurden zur Ewigkeit.

Dann fragte der am Kraterrand: "Budjesch strelatsch?" (Wirst du schießen?). Hugo erkannte die Ähnlichkeit der Worte zum Polnischen.

Aus dem Krater kam zögernd und müde die Antwort: "Wenn du nicht schießt, werde ich auch nicht schießen."

Der andere sah erschöpft hinunter, nickte kaum merklich, stöhnte vor Schmerzen auf und humpelte weiter.

Als einige Stunden später seine Kompanie dieses Niemandsgebiet wieder besetzte, wurde auch er, der Neue, gefunden. Er lebte noch. Man brachte ihn nach hinten.

Der Sanitäter fand die Kugel in der Brieftasche. Er stellte fest, dass der Neue von einer deutschen MG-Kugel von hinten getroffen worden war. Streugeschoss nannte man so etwas.

In Lazarett war man zu dem jungen Helden mit Fronterfahrung freundlich. Man wusste ja, was die Soldaten an der Ostfront leisten mussten. Und man fragte sich nicht selten, wozu.

Bald wurde er zur Mutter nach Hause geschickt, um ganz zu genesen.

Die Mutter fand ihn nach diesen wenigen Wochen sehr verändert, zu nachdenklich, fast stumm. Lediglich mit dem zum Krüppel geschossenen, jetzt dienstverpflichteten Bruder sprach er aber auch nur belangloses. Fronterfahrung verpflichtete zur Verschwiegenheit.

Beim Abschied umarmte er die Mutter und drückte sie lange. So hatte er es noch nie getan. Ihr schien, er suche eine heimliche Geborgenheit. Sie weinte. Er blieb stumm aber seine Augen waren feucht.

Der Abschied war bitter, fiel ihm so unendlich schwer.

Er musste sich in seinem früheren Ausbildungslager melden. Dort wurde eine neue Einheit für die Front zusammengestellt. An der Ausbildung brauchte er nicht mehr teilzunehmen. Er hatte ja schon Fronterfahrung. Den Wachdienst am Tor versah er unbeteiligt. Gern hätte er seiner Mutter geschrieben. Er wusste, sie wartete auf eine Nachricht. Er fand nicht die Kraft seine Gefühle zu benennen. Als die neue Offensive der Roten Armee begann, musste das gesamte Lager mit den Ausbildern sehr schnell an die Front. 'Es geht schon wieder an die Front', schrieb er seiner Mutter.

Auf offenen Güterwagen fuhren sie in kalter Nacht in Richtung Osten an die nahe Front. Niemand wusste etwas genaues. Es fiel nur auf, dass die Ausbilder, bisher bewusst hart, ja brutal, plötzlich Kameradschaft förderten und sehr freundlich wurden. Bald erkannte er, dass der Zug, wie er gehofft hatte, durch sein Heimatdorf fahren würde. Als der Zug gegen Morgen auf einem kleinen Bahnhof wartete, erhielt er die Erlaubnis, seinen Bruder im nahen Stellwerk informieren zu lassen. Er sei hier in diesem Zug und fahre wieder gen Osten.

Er hoffte, seine Mutter noch einmal zu sehen. Der Bruder sorgte dafür, dass der Zug diese Strecke nur langsam fahren durfte und winkte ihm aus dem Stellwerk zu. Als die ersten Häuser seines Dorfes sichtbar wurden, winkte er stehend mit beiden Armen.

Am Bahnsteig standen seine Mutter und zwei Cousinen. Sie warfen ihm Pakete zu. Die Äpfel kullerten zwischen den Gleisen. Das Kuchenpaket landete auf dem nachfolgenden Waggon und wurde von vielen Händen aufgefangen. Er winkte noch sehr lange, bis ihn ein stummer Nachbar anstieß. Der Zug wurde, durch einen sinnlosen Durchhaltebefehl, im Kugelhagel aller Kaliber, bis in die feindliche Linie gefahren. Niemand hat mehr von meinem jüngsten Onkel Hugo gehört.

 

 

 

Zum Gedenken an meine vier Onkel:

Alexander, Hugo, Reinhold und Robert Heidemann

aus Andzejow bei Lodz, die im zweiten Weltkrieg in den Jahren 1943/44 sinnlos fielen oder als Vermisste in Gefangenenlagern starben.

Ihre Mutter, meine Oma,         Pauline Heidemann, geborene Fuchs

 

wurde alleinstehend 1945 im dreiundsiebzigsten Lebensjahr  enteignet und von ihrem kleinen Bauernhof vertrieben. Sie wurde interniert, wie ein Sträfling geschoren und zu Schwerstarbeit gezwungen. Sie starb infolge Unterernährung im Herbst 1946 im großen Elend in einem polnischen Konzentrationslager in Sikawa bei Lodz. Ihr Tod wurde in keiner Akte registriert. Das Massengrab ist unbekannt geblieben.

Von 1940 bis 1944 sind faschistische Deutsche mit Juden und Polen im okkupierten Warthegau und im  Generalgouvernement  ähnlich verfahren.

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Brüder

 

Als Egon den ersten Fronturlaub bekam, freute sich Alfons auf seinen Bruder. Jetzt konnte er dem Älteren berichten, dass auch er seinen Pflichten als Deutscher in der Heimat nachkam. Er fühlte sich seinem älteren Bruder ebenbürtig  und ordnete in Gedanken seine Heldentaten. Mutter weinte ihm zu viel. Sie konnte nicht verstehen, was ihr Kleiner tat, obwohl sie nur gelegentlich etwas erfuhr. Der große Bruder würde verstehen und staunen.

Egon fand die Mutter verzweifelt. Er versuchte sie zu trösten. Über seine Fronterlebnisse schwieg er. Er war überhaupt sehr schweigsam.

Alfons begrüßte seien Bruder euphorisch. Er holte zwei Flaschen aus seinem Heldenkontingent. „Die machen wir heute nieder, Egon. Erzähl, was du erlebt hast. Wie viele Russen hast du schon umgelegt?“

Egon schaute seien kleinen Bruder erstaunt an.

„Uns stehen nicht nur Russen gegenüber, auch andere Nationen und Kulturen.“

„Kulturen?“ fragte Alfons höhnisch. „Was soll denn das bei denen sein? Für mich sind das alles slawisch-bolschewistische Untermenschen“, stellte er fest. Er war neugierig, was Egon von der front zu berichten hatte.

„Egon, ich weiß, du darfst und willst sicher nicht alles von der Front schreiben. Wenn wir unter uns Kameraden von dir, meinem älteren und vorbildlichen Bruder, erzählt habe, misste ich mir bisher immer einige Heldentaten ausdenken. So was ist für das Ansehen unserer Familie gut.“

Die Mutter setzte sich dazu. Auch sie wollte einiges wissen.

Als die zweite Flasche schon halb leer war, wurde Egon sentimental. Er konnte den Sinn des Krieges nicht begreifen und erst recht nicht, wieso er daran teilnehmen musste.

Alfons sah das anders. Er war in der Theorie des nationalen Sozialismus geschult. „Der Führer weiß schon, was er tut. Er baut an einer perfekten Welt. Dazu ist jetzt Härte notwendig. Diese muss jedem Deutschen abverlangt werden. Dieser Krieg ist die letzte große Weltschlacht der Giganten auf dieser Erde.“

Egon war davon nicht überzeugt, was Alfons sehr wunderte.

Alfons argumentierte: “Dieser Krieg endet unweigerlich mit dem Sieg der einzigen legitimen Herrenrasse. Danach wird das eigentliche Weltreich, das tausendjährige Reich, von den Deutschen, für die Deutschen aufgebaut. Kann es etwas schöneres und besseres geben?“

Egon kannte eine andere Realität und andere Ziele im erobertem Land. „Weißt du welche Grausamkeit und welche sinnlose Vernichtung von Leben und Werten an der Ostfront herrscht?“

„Das muss so sein“, bekräftigte Alfons. „Was meinst du, wie hart es bei uns im Dienst zu geht. Auch wir haben Verluste und bedauerlichen Verschleiß in unseren Reihen. Schwächlinge halten unseren Dienst nervlich nicht durch. Wenn das Ganze Erfolg haben soll, müssen wir so hart vorgehen.“

Im angeheiterten Zustand drängte es Alfons seine jüngste Heldentat zu erzählen:

„Da wurde doch kürzlich so ein Izek mit einem halben Brot außerhalb des Ghettos erwischt. Wir legen keinen großen Wert darauf alle Schlupflöcher zu schließen. Wir erwischen sie ja doch alle. Jeder, der raus kommt, wird früher oder später gehascht und erledigt. Unser Gruppenführer sagte: Alfons, kümmere du dich um den Kerl. Ich führe ihn ein Stück weg, hinter einen Zaun, damit er dann nicht bei uns herumliegt, da fängt der Kerl doch an zu jammern und zu betteln. In einem perfekten Deutsch, ist man von den polnischen Juden gar nicht gewöhnt: Herr Offizier, bitte schießen sie mich nicht tot. Ich habe kleine Kinder. Oh Gott, was soll aus ihnen werden. Bitte lassen sie mich am Leben.

Ich schupse den Schurken vor mir her und ziehe meine Pistole aber der Kerl hört nicht auf zu jammern. Da gebe ich ihm einen Tritt. Aber diese Drecksau  umfasst meine Stiefel. Der hätte mich beinahe umgeschmissen. Da gebe ich ihm noch einen Tritt und entsichere die Pistole. Der Kerl zitterte wie Espenlaub. Auf einmal denke ich: was stinkt denn hier so? Da hat sich doch der Izek vor Angst eingeschissen, diese Sau.“

Egon holte aus und versetzte seinem Bruder einen Faustschlag mitten ins Gesicht. Alfons flog rückwärts über die Stuhllehne. „Du Schwein, weißt du überhaupt, was ein Mensch und was Todesangst ist? Wenn man dir eine Pistole an den Kopf halten würde, wo wäre dann dein Heldenmut? Wie würdest du zittern und dich bescheißen?“ Er griff nach seinem Gewehr. Doch der Jüngere hatte seine Pistole schneller zu Hand.

„Dich zeige ich an, du Feigling. Du spielst keinen Fronthelden mehr. Du krepierst hier im Knast, wie die Juden im Ghetto. Solche Deutschen kann unser Volk nicht gebrauchen.“

Die Mutter bemühte sich den Streit zu schlichten. Sie flehte und weinte bitterlich.

Egon nahm sein Gewehr und seinen noch gepackten Tornister und sagte bewegt: „Mutter, mit diesem Schwein kann ich nicht unter einem Dach schlafen.“

Wenige Tagen später kam ein Brief von einem Frontkameraden. Sie hatten ein leeres Dorf durchkämmt. Dabei ist Egon auf eine Mine getreten. Er sei nach seinem abgebrochenem Kurzurlaub eigenartig schweigsam gewesen.

Seine letzten Worte waren: Gruß an Mutter.

Und dann ein schwerer Seufzer: Oh Alfons.

 

 

 

Das Birkenwäldchen

 

Die Januaroffensive der Roten Armee 1945 hatte bei Warschau mit solcher Wucht begonnen, dass große Wehrmachtsverbände zersplittert weit hinter der Front in den Wäldern zurückblieben. Die Führung der Roten Armee interessierte sich kaum für die Zurückgebliebenen. Sie nutzte die Gelegenheit den geschlagenen, desorientierten Feind so weit als nur möglich nach Westen zu jagen. Einzelne Luftkämpfe und ein gelegentlich auftauchender deutscher Panzer konnten ihren Vormarsch nicht aufhalten. Die Soldaten der sowjetischen Armee hatten einen besonderen  Ansporn. Stalin selbst, so die Gerüchte in der Roten Armee, soll gesagt haben: „Wenn ihr die Grenze zu Deutschland überschreitet, könnt ihr machen, was ihr wollt.“

Die Armee nahm Nachtquartier in den Dörfern. Häuser, Schuppen, Scheunen wurden durchstöbert. Wenn es irgendwo raschelte hielt man mit der Kalaschnikow drauf. Blieb es ruhig, machte man weiter. Gregor erwischte einen deutschen Soldaten in der Scheune, hoch oben im Stroh. Gregor wurde zum Helden des Abends.

„Der hat die Hände hochgehoben aber was soll’s. Meine Kalaschnikow war schneller.“

Die Soldaten vertilgten auf den Bauernhöfen alles Essbare. Schweine, Schafe auch Milchkühe wanderten stückweise die ganze Nacht in die requirierten Töpfe und Pfannen. Mit den verdreckten und verschwitzten Felduniformen stiegen die Soldaten in die Betten, lagerten auf Sofas, auf Liegen und auch auf dem Fußboden. Den Offizieren verschafften die Quartiermeister Ehebetten. Sie hatten ihre Mätressen in Uniform dabei. Diese verschenkten an kleinere Kinder süßes Beutegut: Schokolade, Konfekt, Kekse. Sie waren trotz ihrer Uniformen und Waffen mütterlich lieb zu den Kindern. In diesen Häusern gab es keine Vergewaltigungen. Die Soldaten rissen sich zusammen, in der Nähe der Offiziere und ihrer Mätressen.

Soldaten, die täglich den Tod vor Augen haben, sind nicht sentimental. Sie nehmen sich, was sie brauchen, was sich ihnen bietet. Man unterschied nicht zwischen polnischen oder deutschen Mädchen oder Frauen. War kein Offizier in der Nähe stürzten sich die jungen Kerle gruppenweise auf die leichte Beute. Eine Frau zählte 16 Kerle. Sie überlebte, wurde nicht mal schwanger. Später scherzten die Polen: „Da hat immer der nächste das von Vorgänger ausgerieben.“ So ist der Krieg.

Die Fronttruppen zogen weiter. Ein Offizier und drei Soldaten blieben im Dorf. Ordnung sollte wieder einziehen. Da war ein Waggon, auf der Schienenstrecke vor dem kleinen Bahnhof, von der fliehenden Wehrmacht zurückgelassen worden. Er stand verlassen da. Eine alte Frau hatte gemeldet, sie habe ein langes Stöhnen und leises Rufen nach Wasser vernommen.

Der Offizier und sein kleiner Trupp marschierten hin.

„Sascha, schau rein. Ihr beiden gebt ihm Deckung“, so lautete der Befehl an den jungen Burschen. Sascha stieß die Waggontür auf und hielt seine Kalaschnikow hinein. Ein übler Dunst kam ihm entgegen. Er ließ die Waffe sinken. Angstvolle, groß aufgerissene Augen schauten ihn aus verbundenen Köpfen an. Es war ein Liegewagen mit Schwerverwundeten. Die drei russischen Soldaten gingen vorsichtig, nach links und rechts sichernd, durch den Waggon. Absolute Stille, kein Stöhnen, keine Silbe, kaum ein Hauch, nur angstvolle Augen, die den langsamen Bewegungen der anders Uniformierten folgten. Was wird jetzt geschehen? Die da drinnen lagen, waren hilflos, schwer verwundet, manche ohne Hände, ohne Arm, ohne Bein, mit durchlöchertem Körper, mit schweren Kopfverletzungen, zurückgelassen, dem Feind überlassen, ausgeliefert.

Sascha machte stramme Meldung: „Verwundete Fritzen, wahrscheinlich ohne Waffen, ohne Essen, ohne Verbandszeug, einfach zurückgelassen.“

„Wie viele?“ „Der ganze Waggon voll, ca. 20.“

Der Offizier überlegte. Was nun? Eine Weile ging er neben dem Waggon hin und her. Verdammt noch mal, diese Fritzen, lassen ihre schwer verwundeten Leute einfach stehen. Er sinnierte halb russisch, halb deutsch:

Krankenhaus in der Nähe? Njet. Verbandszeug? Njet. Verpflegung? Njet.

Arzt, Morphium, Operationen? Unmöglich zu organisieren. Er winkte ab.

„Ach, wer fragt schon nach den Leuten? Es ist Krieg. Sie sind Feinde. Schwer verwundet zwar aber wer weiß, was die in unserem Land gemacht haben?“

Er fragte noch einmal: “Wie viele?“

Dann zog er seine Pistole, überprüfte das Reservemagazin und schickte seine Soldaten, die beiden Ausgänge zu sichern. Er betrat mit entsicherter Pistole den Waggon, schaute streng drein, hielt den ängstlich schauenden Augen Stand, sah die Anspannung und die resignierenden Bewegungen der Körper. Die wussten, was er jetzt gleich tun würde.

Er wird den sicheren und schmerzarmen Kopfschuss anwenden. Bald krachte es.

Ein Schuss links, einer rechts, links, rechts, links, rechts. In der Mitte des Waggons bäumte sich ein junger Bursche auf, wollte die Pritsche verlassen, entfliehen. Drei Schuss aus geringer Entfernung ließen ihn im Sicherungsnetz zusammensacken. Der Offizier wechselte ruhig und sicher das Magazin ohne auf die noch lebenden Verwundeten zu achten.

Und wieder: links, rechts, rechts, links, links, rechts.

Draußen gab er den Befehl: „Schafft aus dem Dorf ein paar Mädchen her, die sollen sie gleich hier am Bahndamm einbuddeln.“

Der Boden war gefroren. Die Mädchen noch Kinder. So gaben sich die russischen Soldaten mit einer flachen Grube zwischen Bahndamm und Birkenwäldchen zufrieden. „Holt sie raus und schmeißt sie rein.“

Viel Blut war aus den 16 Körpern nicht geflossen. Einige hatten die Augen schreckhaft aufgerissen, andere geschlossen. Niemals konnte Hilde das Gesicht des jungen Burschen vergessen, der über dem Schutznetz halb herunter hing. Die Gesichtszüge drückten noch im erstarrten kalten Tod das schreiende Unrecht des Krieges aus.

Im Frühjahr wuchs Gras über die kleine Erhebung. Bald hatte das Birkenwäldchen den Hügel vereinnahmt. Niemand hat nach den 16 Namen gefragt.

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Der Fehlschuss

 

Die Weihnachtsurlauber kamen Mann für Mann in die Schützengräben zurück. Man erwartete keinen Angriff zur Jahreswende. Also hofften die, die Weihnachten in den verhassten Gräben verbracht hatten, Sylvester bei ihren Familien zu sein.

Der Wintertag war eisig als sie von der Ostfront durch Polen fuhren. Hier hatte jeder sein Gewehr in Reichweite zu haben, denn es gab aktive Partisanengruppen in den Wäldern.

Am 30.12. war es sehr kalt, die Felder weiß, der Himmel blau, die Luft klar. Die untergehende Sonne hatte einen weiten Frostring, der für die nächsten Tage strenge Kälte erwarten ließ. Die Soldaten im Zug waren in freudiger Stimmung. Die meisten schauten voller Erwartung nach draußen.

Wildgänse überquerten in angemessener Höhe die Bahnlinie. "Man müsste sich so eine Gans als Sylvesterbraten runterholen", scherzten einige. Arno nahm sein Gewehr und ging nach draußen. Er fürchtete keine Partisanen. Der Zug fuhr schnell und die Gänse waren schon zu weit. Arno legte zwar an, zielte, drückte aber nicht ab.

Ein Schwarm Krähen flog zum Wäldchen. Ihr "Krah, krah" ging im Rattern des Zuges fast unter.

Ein Soldat der anlegt, ein Ziel im Visier hat, drückt auch ab. Arno legte erneut an, nahm eine tief fliegende Krähe ins Visier und schoss. Doch was war das? Er hatte das bewegte Ziel durch das Wackeln des Waggons verfehlt. Eine Schande für einen erfahrenen Frontsoldaten. "Scheiße", brachte er verärgert hervor. Die anderen lächelten über den sinnlosen Schuss. Der Zug ratterte weiter gen Westen. In der Ferne sah man alte Holzhäuser. Arme Ziegenbauer bewohnten diese Gegend.

Das Dorf lag friedlich in der Schneelandschaft eingebettet. Kein Mensch war draußen in der Kälte zu sehen. Durch die Fenster schimmerte hier und da der Schein einer Petroleumlampe.

"Es wird heut Nacht wieder sehr kalt", sagte die Mutter zum Jan. "Wenn du deine Hausarbeit fertig hast, machst du die Stalltür mit Strohballen dicht, damit unsere Ziege nicht so friert.“

Jan ging auf den Hof. Er sah einen Zug nach Westen fahren. In der eisigen Luft hörte man das Schnaufen der Dampflokomotive besonders deutlich. Sie hinterließ eine lange weiße Wolke. Um diese Zeit kann es nur ein Sonderzug sein, dachte er bei sich. Er nahm die Gabel spießte den Strohballen an, zerrte nach oben, um ihn vom gefrorenem Boden zu lösen. Da, plötzlichen verspürte er einen stechenden Schmerz in der Brust. Sein Aufschrei  erstickte auf seinen Lippen.

Als ihn die Mutter fand, lag er blass auf dem roten Stroh. Der Arzt sagte, Jan habe fast nichts gemerkt. Eine verirrte Kugel hatte sein Herz durchbohrt.

Als Arno seine Mutter in die Arme nahm, hatte er den Ärger über seinen Fehlschuss schon vergessen.

Das neue Jahr hatte gerade erst angefangen, da kam die schreckliche Nachricht von der Front.

Ausgerechnet in einer kampffreien Phase während der Feiertage hatte eine verirrte Kugel seinen Bruder tödlich getroffen, schrieb der Kompanieführer.

Die Eltern schienen den Schmerz nicht zu verwinden.

Dass es kein tröstender heroischer Heldentod im Frontkampf, sondern ein Zufall war, schmerzte vor Freunden und Volksgenossen um so mehr.

Jetzt wurde es auch Arno bewusst, wie oft er und viele seiner Frontkameraden unüberlegt und sinnlos in irgend eine Richtung schossen.

Und er erinnerte sich, dass sein Fehlschuss auf eine Krähe in Richtung eines kleinen Dorfes in Polen gezielt war. Hatte  diese Kugel vielleicht auch jemanden getroffen oder gar ein Leben ausgelöscht?

Nie hat er erfahren, welches Unglück sein damaliger Schuss bei einer armen kleinen Familie im fremden Polen angerichtet hat.

 


Wendegeschichten

 

Parkgespräch

 

Fast täglich gehe ich mit Maxi, meinem kleinen Highland-Terrier, im nahegelegenem Waldpark spazieren. Nicht selten werde ich von Menschen angesprochen, die ihre verbliebene Habe in einem Beutel tragen und gelangweilt auf einer der von Graffitis beschmierten Bänke sitzen. Sie hoffen auf ein unterhaltendes Gespräch, auf etwas Zeitvertreib. Es sind oft sehr intelligente Menschen, die mit ihrem Leben ohne Arbeit, manche auch ohne Bleibe nicht fertig werden können.

Der Sommertag war angenehm warm. Die großen Bäume spendeten kühlenden Schatten. Die Vögel zwitscherten ihre Nachmittagsmelodien. So konnte man die Welt, diese Natur, überwältigend schön und friedlich empfinden.

Um diese Zeit findet man selten einen Menschen im Park.

Ein älterer Herr sprach mich an: „Nein, es ist schlimm, wenn man alt wird. Ich suche nach einer Möglichkeit, wie ich mich sicher aus dieser Welt bringe.“

Einen solchen Menschen kann man nicht allein lassen. Ich setzte mich zu ihm.

Er erzählte aus seinem verdammten Leben der letzen Jahre. Ich stellte fest, dass er noch lange nicht so alt war, wie es auf den ersten Blick schien.

Erst die Arbeit verloren, dann der Umzug. Seine junge Frau wurde plötzlich schwer krank und verstarb in wenigen Tagen.

Die Wohnung, in der er jetzt lebt, ist zwar modern aber die Nachbarn bleiben fremd. Im Haus igeln sich alle Menschen mit ihren privaten Sorgen ein. Keiner kennt den anderen. Die schönere Wohnung und das komfortable Bad sind eben nur ein Teil des Lebens und nicht mal der wichtigste.

Er erzählte sehr lange, wollte nicht wieder aufhören. Es schien, als wollte er eine lange Lebensbeichte ablegen, sein Herz ausschütten.

In der neuen Wohnung kann man sterben und es merkt niemand. Das Schlimme ist, es will auch keiner merken. Er erinnerte an die Zeiten wo Arbeitskollektive und Hausgemeinschaften Heimstätten für den Einzelnen waren; wo Probleme ausdiskutiert und Feste gemeinsam gefeiert wurden. Manchmal auch mit unangenehmen gesellschaftlichem Druck von oben, aber immer hin, man gehörte zusammen.

Und heute? Die Menschen sind zu einem großen Teil Suchende, Gierige.

„Ich möchte mich so gern mit einer nützlichen Beschäftigung einbringen. Niemand will mich. Das Arbeitsamt sagt: Ich bin zu alt. Es ist überfordert. Selbständig soll ich mich machen. Mit was denn? In meinem Alter? Zu viele Menschen sind einfach überflüssig gemacht worden.“

Die herumlungernden Halbstarken im Hause nannten ihn Opa und erkundigten sich, wo er sein Geld versteckt habe.

Dann versagte sein rechtes Auge - grauer Star. Er wurde operiert und gleich nach Hause geschickt, weil er den Bettenzuschuss nicht zahlen wollte. Dann bekam er Zucker. Nach 800 Spritzen weiß er nicht mehr wo er stechen soll. Die Lunge war voller Wasser. Nach einigen Tagen in der Klinik musste er so viele Tabletten schlucken, dass sein Magen rebellierte. Drei Tage war ihm so schlecht, dass er im Bett blieb.

„Ich wusste gar nicht wie schlimm das ist, wenn man nicht mehr aufstehen kann und kein Mensch da ist. Die Einsamkeit zerfrisst einen.“

Der Arzt schimpfte mit ihm, dass er nicht eher gekommen war. Er hatte einen Herzinfarkt und einen Herzmuskelriss.

Jetzt ist er wieder zu Hause.

„Zu Hause? Wo ist das?“ fragte er vor sich hin. „Unter der Erde? Im Himmel?“

Kopfschüttelnd, ja traurig sagte er: „Kein Mensch kümmert sich um mich. Ich sehe schlecht, höre kaum noch. Was soll ich auf dieser Welt. Heute wurde mir gesagt, dass mein linkes Auge auch noch operiert werden muss. Wozu? Ob ich das mit meinem Herzen überhaupt überlebe?“

Ja früher da hatte er Freunde, Kollegen, die für einander einstanden, an gemeinsamen Zielen knobelten, sich ergänzten, im Kollektiv feierten. Alle wurden abgewickelt. Sie sind in alle Winde zerstreut, umgezogen, nur wenige in neue Teams aufgenommen. Sie haben alle den Kontakt zueinander verloren und keinen neuen gefunden.

Ich hörte ihm lange zu. Es war ihm eine Genugtuung.

Meine Empfehlungen, ein Ziel anzustreben, Gleichgesinnte oder eine Aufgabe zu finden, erreichten ihn nicht. Was sollte ich ihm noch sagen? Wer sich selbst aufgibt ist aufgegeben - wie weise das klingt.

Er war früher nie krank, hatte erfolgreich gearbeitet, war anerkannt. Wie konnte er so absinken? War es seine Schuld? Er hatte keine Kinder. Wo waren seine Freunde, seine Arbeitskollegen? Niemand mehr da?

Eine Weile schwiegen wir. Dann sagte er bestimmt: “Von den Valotten im Haus kriegt niemand mein Geld. Dann soll es der haben, der mich findet. Ich weiß wie ich das mache.  Auf den Schienen, abpassen, dass kein Zug kommt, eine lange Kupferstange an die Oberleitung. Bei meinem Herzen dauert das nicht lange.“

Ich versuchte ihm klar zu machen, dass das Leben nur einmalig vergeben wird. Wer es wegwirft, bekommt keine Chance mehr, endgültig, für alle Zeiten.

„Sicher“, so fing er wieder an, „im Krankenhaus war einer, dem wurden beide Beine abgenommen. Den hat aber seine Frau jeden Tag besucht. Ich kann zwar noch laufen aber zu mir kommt niemand. Der Mensch braucht doch jemanden“, bemerkte er verbittert.

Dann machte er mir einen Vorschlag: Ich könne sein Erbe antreten, wenn ich ihn bis zu den Bahnschienen begleiten würde. Er wolle diesen Gang nicht allein tun.

Ich begleitete ihn. Wir gingen mehrmals den gleichen Weg durch den Park. Es dunkelte schon als wir seine Wohnung erreichten. Nach diesem langen Gespräch wollte er sich alles nochmals durch den Kopf gehen lassen.

Am nächsten Morgen brachte ich ihm ein Buch. Bald wurde ihm bewusst, dass es nichts Schlimmes auf dieser Welt gibt, dass nicht noch schlimmer denkbar wäre und dass es der Standpunkt ist, der die Richtung der Gedanken bestimmt. Eigentlich, so erkannte er, war er doch noch reich an Glück. Er hatte und konnte doch noch vieles. Er konnte sehen, wenn auch nicht mehr wie früher, hören, wenn auch nicht mehr alles, gehen, wenn auch beschwerlich, seinen Haushalt selbst in Ordnung halten, Bücher mit großer Schrift lesen.

Ich nannte ihm verschiedene Buchtitel. Bald zählte ihn die Bibliothek zu ihren besten Kunden. Eine alleinstehende Leserin trifft sich jetzt oft mit ihm. Eine der Parkbänke ist ihr heimliches Plätzchen. Sie besuchen gemeinsam die preiswerten Konzert- und Theaterproben, sprechen über Philosophie und die verschiedenen Religionen, besuchen Vorträge der Seniorenakademie und diskutieren auch über die Entwicklung von Kultur und Ethik bis zur modernen Gesellschaft und über persönliche Liebe und Glück.

Manchmal setzte ich mich dazu. Ich freue mich, dass er für sein jetziges Leben einen sinnvollen Inhalt gefunden hat.

An die Zeit unserer ersten Begegnung mochte er nicht mehr erinnert werden.

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Zwei Äpfel

(gekürzte Fassung)

 

Ein Mann, der von sich behauptete, ein Kulturmensch zu sein, wollte die Weltkultur bereichern. Tod und Leben ist ein ewig aktuelles Thema.

Er nahm seine Malerutensilien und ging in den Garten.

Hier, in der Natur gibt es den ewigen Kreislauf. Alles was entsteht, ist wert das es zu Grunde geht, zitierte er in Gedanken. Es ist der Lauf fest gefügter Gesetze.

Im taufrischen Gras entdeckte er einen faulen Apfel. Dies ist das Symbol des Vergehenden. Er legte ihn auf einen Teller, gab schmückendes Ziergras dazu und malte dieses Vergängliche.

Bald kamen ihm Bedenken. So eine faulige Sache allein ist zu traurig. 

Er schaute nach dem Baum von dem der Apfel gefallen sein musste und fand dort eine Menge frischer gelb-roter, reifer Äpfel.

Du musst deinem Bild einen positiven Sinn, etwas Zukunftsweisendes geben, sagte er sich.

Er pflückte einen schönen reifen Apfel, legte ihn neben dem fauligen und ergänzte sein Bild, das ihm Ruhm bringen sollte.

In einer Ausstellung interpretierte er den Besuchern, was er bei der Entstehung des Bildes empfunden hatte:

Der frische Apfel, das ist das blühende Leben und der faule Apfel ist das unvermeidbare Vergängliche, der allgegenwärtige Tod neben dem Leben.

Der Maler war mit den Zuschauer unzufrieden. Sie hatten zu wenig Phantasie.

 

Kultur muss gefördert werden. So beschloss es die führende Partei, die vorgab, die Diktatur des Proletariats zu vertreten. Eine kollektive Kunstausstellung war zu organisieren. Der Kunstmaler gab sein Bild als Leihgabe dazu.

Jetzt interpretierte er philosophisch:

Der rote Apfel, das sei das Symbol des aufstrebenden Sozialismus. Der faule Apfel, das ist der vergehende, parasitäre, verfaulende Imperialismus, wie es Genosse Lenin gelehrt hatte.

Der Parteisekretär klopfte ihm wohlwollend auf die linke Schulter und lobte seine klassenbewusst zitierten Worte.

Ein Besucher bemerkte kritisch: Der faule Apfel könnte den roten anstecken, wenn beide so nahe beieinander lägen. Es fehle die trennende Grenze. Der Mann wurde entfernt.

Der Maler bekam ob seiner zukunftsweisenden Interpretation einen Preis und viele Staatsaufträge.

Dann kam die große politische und wirtschaftliche Wende im real existierenden Sozialismus. Der Künstler verlangte Staatsaufträge, Lohn und Brot, wie er es gewohnt war.

Reichhaltige Angebote an Farben-, Pinsel- und Leinen waren teuer.

 

Bei einer jetzt ideologiefreien Ausstellung war auch sein Apfelbild dabei. Wieder erklärte der Künstler den Leuten seine Sicht:

Der faule Apfel, das sei der vergangene, ökonomisch wie politisch nicht lebensfähige weil unterdrückende, reale Sozialismus. Der reife gesunde Apfel, das war nun die starke ökonomisch siegende quasi soziale Marktwirtschaft.

Der Kultusminister klopfte ihm anerkennend auf die rechte Schulter.

Er war mit der Interpretation des Künstlers sehr zufrieden.

Es gab eben feine Unterschiede zwischen rechts und links.

Die Arbeitslosen betrachteten das ihnen gut bekannte Bild aus dem Speisesaal des ehemaligen Kombinates und hörten staunend des Künstlers Worte.

Viele schwiegen, andere flüsterten: Wendehals, IM und Schlimmeres.

Der Künstler erklärte und interpretierte. Doch von Ehre allein kann man nicht leben.

Bald fand man ihn unter den Malern, die man als Anstreicher bezeichnet.

Dieser Berufsstand war ihm wenig erstrebenswert.

Anstreicher sind durch einen Gefreiten historisch besonders belastet.

Pinsel und Farbe sind dem anpassungsfähigen Interpreten geblieben.

Seine Kenntnisse über Farben fanden wenig Anerkennung.

Als anerkannter Apfelspezialist hatte er auf dem Obstmarkt gewisse überlebenswichtige Erfolge.

Niemand klopfte ihm mehr auf die Schulter.

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Friedas Ente 

(gekürzte Fassung)

 

Frieda hatte von ihrer Freundin einen Brief bekommen. Komm, es ist gut hier. Ich habe eine kleine Wohnung, eine ansprechende Arbeit und lebe endlich in Freiheit.

Da Frieda das Gefühl hatte, der Inspektor des volkseigenen Gutes stelle ihr nach, verließ sie nachts ihr Dorf, ging über die verbotene Grenze nach Westberlin und verließ die DDR.

Ihren Eltern und Geschwistern schrieb sie: Es geht mir gut. Ich wohne mit meinem Freund zusammen. Wir heiraten bald.

Als die Kinder größer waren, erinnerten sich die Geschwister aneinander und Frieda besuchte sie regelmäßig einmal im Jahr. Die Freude war immer groß auf beiden Seiten, denn Frieda wusste, was in der DDR teuer und selten zu erhalten war. Sie versorgte die Kinder und Enkel mit ausrangierten Kleidungsstücken, mit Bananen, Schokolade und Konfekt. Die Geschwister bekamen Bohnenkaffee, gelegentlich Wasserhähne und was man so in einem Bauernhaus gebrauchen kann. Wenn Frieda in den Zeitungen von Mangel in der DDR las, schickte sie Reis, Erbsen, Zucker, Zwiebeln und verschiedene Gemüse- und Fleischdosen.

Das Familienleben war mit dem Geben und Nehmen voller Freude auf beiden Seiten.

Wohnungen waren in der DDR knapp. Die Mieten lächerlich. Der Staat wollte Privateigentum beschwerlich machen. Auf dem Lande gab es für Bauwillige billige Kredite. Annas Kinder bauten. Wie sollten sie sonst eine Wohnung in ihrem Heimatdorf bekommen.

„Nein, ich möchte trotzdem hier nicht mehr leben“,  entschied Frieda. Sie hatte sich einen bescheidenen Wohlstand im allgemeinen Überfluss geschaffen.

Anna barmte: „Ach Frieda, wenn wir dir doch auch mal was schenken könnten. Wir verkaufen ja Enten, aber es ist ja so beschwerlich ein Paket nach dem Westen zu schicken. Die Zollkontrollen. Immer besteht der Verdacht, dass im Paket etwas Unredliches oder Geheimes steckt.“

Frieda wehrte ab: „Lass man Anna. Es geht schon so.“

Dass bei ihr das Geld manchmal  knapp war und sie den teuren Kaffe dann zweimal aufbrühte, das Badewasser mehrfach benutzte und oftmals wegen der hohen Miete geweint hat, verschwieg sie.

Dass ihr Auto auf Kredit gekauft war, hatte sie nie erwähnt.

Für den von Anna so schwer erstandenen Nussknacker und Schwippbogen aus dem Erzgebirge hatte Frieda wenig Verwendung. Beide verstaubten im Keller. Solche Billig - Exporte der DDR gab es im Westen genug.

Dann kam eine große politische Wende in den Ostländern. Die deutsch - deutsche Grenze wurde geöffnet. Die Ossis schwärmten mit Kind und Kegel und wenn möglich auch mit Großeltern und Enkeln nach dem Goldenen Westen. Anna durfte erstmals mit ihrem ganzen Anhang ihre Schwester Frieda, die Großzügige, ganz legal besuchen. Es wurde ziemlich eng in Friedas Wohnung.

Trotzdem, die Freude war riesengroß. Endlich zusammen im Westen. Und was es da alles gab. Den Ossis liefen die Augen über.

Frieda organisierte den Gang zum Rathaus. Das Begrüßungsgeld wurde gleich in Ware umgesetzt. Frieda packte auch diesmal wieder Bannen, Kaffee und anderes dazu. Der überladene Trabi quälte sich durch das hektische Gewimmel der Stadt und wurde auf der Autobahn zum Verkehrshindernis.

Anna seufzte neidvoll: „So ein riesiges Angebot. Und uns hab’n s’e immer die billigen Sachen mitgebracht. Dabei konnten sie doch die Geschenke von der Steuer absetzen.“

Weihnachten nahte. Nun war es für Frieda klar. Dieses Jahr brauchte sie keine Gans zu kaufen. Nach so vielen Wohltaten über die vielen Jahre würde Anna die Gelegenheit jetzt wahrnehmen und ihnen eine Weihnachtsente aus eigenem Stall schicken. Das wäre garantiert eine Bioente.

Frieda schaute täglich nach dem Postboten. Anna ließ sich aber Zeit.

Der Heilige Abend kam heran. Die Ente war nicht angekommen. Natürlich sei die Post daran schuld, meinte Frieda.

„Verdammt noch mal, jetzt haben wir nicht mal einen Weihnachtsbraten. Können wir uns keine Gans leisten, oder was?“ Ihr Mann nahm das Festmahl in der Kneipe ein.

Frieda war traurig. Jetzt ist die Ente bestimmt verdorben. Sie würde die Post verklagen.

Auch zu Silvester war keine Ente angekommen. Nun wurde es klar. Anna hatte ihr Versprechen nie Ernst gemeint. Die im Osten haben immer nur genommen. Geben wollen die nix.

Die erwartete Ente wurde zu einem familiären Konflikt.

Frieda entschied: „Dort fahren wir nie wieder hin.“

Frieda konnte die Enttäuschung über die ausgebliebene Ente nicht verwinden. Sie gab ihre Enttäuschung über die Ostverwandten bei vielen Gelegenheiten zum Besten; versäumte aber auch nicht zu betonen, dass sie sich ja die Ente auch hätte kaufen können.

Ihr Nachbar Artur hatte die Geschichte schon viele Male gehört und fühlte, dass Frieda diese Enttäuschung nicht verwinden konnte. Er kaufte zum Weihnachtsfest gleich drei lebende Enten. Die größte gab er seiner Frau. Die zwei anderen schmückte er mit Girlanden, grünen Zweigen, bunten Schleifen und packte sie in einen großen Karton mit vielen Luftlöchern. Oben drauf legte ein Briefchen dazu.

Nach dem Kirchgang beeilte er sich und stellte das Paket vor Friedas Tür. Welch eine Überraschung und Freude für Frieda. Unsere Ente ist angekommen, nein zwei. Frieda war ganz aus dem Häuschen. Sie las die Zeilen voller Aufregung: „Endlich sind wir da, pünktlich zum Weihnachtsfest. Wir grüßen euch von euren Verwandten aus dem Osten.“

Frieda bemerkte: „Das ist aber nicht der Stil von Anna.“ Sie war skeptisch. Aber die Freude über den unerwarteten zusätzlichen Weihnachtsbraten war größer als alle aufgespeicherte Enttäuschung über ihre Schwester.

Eine kleine Geste der Freundschaft brachte so viel Freude und familiäre Aussöhnung zum Friedensfest.

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Tiergeschichten (Dieses Thema wird demnächst ergänzt.)

 

Purzel und der Hirsch

(gekürzte Fassung)

 

In Vatis Betrieb wurde erzählt, dass in dem kleinen Buschwald am Stadtrand ein Hirsch wechsele. Die Jagdgemeinschaft beobachte ihn und würde ihn sicher bald abschießen. Vatis Arbeitsgruppe beschloss am Sonntag einen Ausflug zu machen, um das seltene Ereignis des Hirschröhren am Abend zu erleben. Wir fuhren zu dem Treff, den ein Kollege mit der Jagdgemeinschaft ausgekundschaftet hatte und warteten zu angegebener Zeit in einem Versteck. Durch den leichten Wind aus der Waldrichtung konnte der Hirsch unsere Witterung nicht aufnehmen. Bald hörten wir ein dröhnendes Röhren im Busch. Alle lauschten. Purzel, unser kleiner Hund, spitzte die Ohren. So einen Laut hatte er noch nie gehört. Das Röhren wiederholte sich. Es kam gehackt, klang schon aus der Ferne bedrohlich.

„Es muss ein kräftiges Tier sein,“ sagte ein Kollege leise. Ein anderer machte noch leiser„Pssst“ und hielt den Zeigefinger vor dem Mund.

Alle schauten in die Richtung aus der das Röhren kam.

Jetzt hörte man es lauter in kurzen Abständen.

„Hoffentlich ist der nicht so kampflüstern und spießt uns noch auf,“ gab ein Kollege zu bedenken.

Es wurde immer spannender. Jeder hatte den Eindruck, dass auch eine gewisse Gefahr drohe. Mancher schaute sich heimlich nach einem Fluchtweg um.

Plötzlich zeigten sich Geweihspitzen in ziemlicher Entfernung über den Wipfeln der Sträucher und der kleinen Bäume. Bald hörte man wieder ein kräftiges langes „Oäääh, Uäääh“ und ein kurzes „Höö, Höö, Höö.“

Dabei neigte sich das Geweih flach nach hinten.

„Der Hirsch verröhrt seine Gegner“, sagte jemand fachmännisch.

Die Spannung übertrug sich auch auf Purzel. Er merkte, daß etwas Ungewöhnliches vor sich ging und wurde ganz unruhig an seiner kurzen Leine. Er fiepte leise. Zwischen den vielen Menschenbeinen und dem hohen Gras konnte er nichts sehen. Vati nahm ihn auf den Arm. Purzel fixierte sofort das Geweih und knurrte.

Der Hirsch bewegte sich langsam auf uns zu. Manchmal verweilt er an einer Stelle und das Geweih tauchte nach vorn unter.

„Er frisst,“ flüsterte jemand. Alle waren voller Spannung. Jeder hoffte, der Hirsch würde bald aus der Schonung treten.

Es wäre ein besonderes Erlebnis, wenn er vor den Menschen erschrecken und in einem hohen Satz zurückspringen würde.

Das Geweih kam immer näher. Jetzt röhrte der Hirsch nicht mehr.

Plötzlich sagte ein Hobbyjäger: “Ich weiß nicht, der bewegt sich so komisch.“

„Pssst, - Pssst“ kam es von allen Seiten.

Einer fragte flüsternd: „Wieso? Was soll denn daran komisch sein?“

Alle wunderten sich über diese Bemerkung. Niemand hatte bisher einen Hirsch in der Freiheit erlebt.

Das Geweih bewegte sich leicht schwankend, langsam auf uns zu. Purzel knurrte.

So etwas hatte er noch nie gesehen. Alles was er nicht kannte, interessierte ihn besonders.

Das Geweih kam immer näher. Der Hirsch war aber immer noch hinter dem hohen Gestrüpps in Deckung. Jetzt änderte er die Richtung.

„Oh, schade, jetzt entfernt er sich,“ flüsterte eine Frau. Eine andere bemerkte:„Der haut ab.“ Sie hatte es wohl zu laut gesagt; denn als hätte Purzel einen Befehl erhalten, knurrte er unwillig, strampelte mit allen Vieren los und machte sich von Vatis Armen frei. Er schoss wie ein Pfeil durch das hohe Gras in die Schonung und war sofort unseren Blicken entschwunden. Alle hielten den Atem an.

Jetzt würde es in der Schonung einen heißen Kampf zwischen dem kleinen Hund und dem großen Hirsch geben oder der Hirsch würde in großen Sprüngen flüchten.

Als jedoch der Hund die Stelle erreichte, an der das Geweih gewackelt hatte, gab es neben dem Gebell ein fürchterliches Geschrei: „Hilfe! Hilfe! Hau ab du Vieh! Ruft den Hund zurück!“

Aus dem Gestrüpp erhob sich ein Mann. Er strampelte mit den Beinen und fuchtelte mit dem Hirschgeweih herum. Der eifrig angreifende Hund ließ sich nur schwer abwehren. Der Mann ließ die Gießkanne fallen. Sie schäpperte blechern auf den Feldsteinen.

Die Leute, die eigentlich einen frei lebenden Hirsch bewundern wollten, waren sehr erstaunt und fingen an, aus Leibeskräften zu lachen.

Manche erkannten sofort den Trick ihres Kollegen und wollten sich vor Lachen ausschütteten. Sie krümmten sich und hielten sich den Bauch. Anderen kullerten die Lachtränen über die Wangen.

Vati rief Purzel zurück. Der Hund konnte sich gar nicht beruhigen. Er schaute immer wieder zu dem Hirschmann und knurrte ihn an. Die gelöste Spannung unter den Menschen, das kreischende Lachen und die Lebhaftigkeit in der Gruppe irritierten ihn. Purzel konnte die Lage nicht verstehen. Auch manche Mitglieder der Gruppe wussten nicht so recht, was hier gespielt wurde.

Was war geschehen?

Der beauftragte Kollege und die Jagdgemeinschaft waren ein bisschen in Verlegenheit, ob der Hirsch auch tatsächlich an diesem Sonntag, zur vereinbarten Zeit an dem angegebenem Ort auftauchen würde. Das Hirschröhren sollte der Höhepunkt des gemeinschaftlichen Ausflugs sein. Alles wäre umsonst gewesen. Deshalb griff die Jagdgruppe zu diesem Trick und glaubte Vatis Arbeitsgruppe etwas vormachen zu können.

Alles wäre gut gegangen. Aber Purzel hatte es verdorben.