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Heidi Huß

Geboren bin ich 1939 in Meißen; verbrachte Kindheit und Jugendjahre in Zwickau-Planitz sowie in Chemnitz / Karl-Marx-Stadt.

Fast 35 Jahre lang konnte ich in meinem Beruf arbeiten: als Diplomlehrerin für deutsche Sprache und Literatur und in Leitungsfunktionen des Bildungswesens. Mit der Wende kam auch die Erfahrung, arbeitslos zu sein. Doch untätig war ich zu keiner Zeit. Im sozialen und kulturellen Bereich erschloss ich mir neue Felder. Geschrieben habe ich schon immer gern: Geschichten – erdachte und erlebte. Für manche gab es einen Preis.

Ich bin Seniorin, verheiratet, habe eine Tochter und drei Enkel.

Seit 1997 gehöre ich dem 1. Chemnitzer Autorenverein e. V. an.

Das produktive Streiten in der “Literaturwerkstatt“ sowie vielfältige Lesungen in Chemnitz und der Region bilden einen wichtigen Teil meiner Freizeitgestaltung.

Miniaturen, Kurzgeschichten sowie Reise-Impressionen sind in mehreren Anthologien und Lesebüchern veröffentlicht.

2003 erschienen in der NORA Verlagsgemeinschaft Berlin  “Ein Klassentreffen und andere Begegnungen“ und 2004 bei TT Art’s Chemnitz das Kinderbuch “Ich bin der Max aus Kiew“.

1996 und 2005 erhielt ich erste Preise im künstlerisch-literarischen Wettbewerb der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung sowie 2009 einen zweiten Preis (Kat. Prosa) im Wettbewerb des Förderstudios Literatur e. V. Zwickau.

Inhalt:

1. Das Begrüßungsgeld

2. Mitgift des Krieges

3. Newa

4. Der Sprung - oder: Brüchiger Widerstand


 

Dezember 1998 oder das Begrüßungsgeld

Meine Augen brennen. Gegen die Frontscheibe des Skoda peitscht Dezemberregen. Eisig. Vermischt mit klumpigem Schnee. Vor mir eine nicht enden wollende Leuchtspur, die sich mühsam auf der Autobahn entlang zieht.

Wir sind auf dem Weg zur Grenze, der Grenze zwischen der DDR und der BRD, der Grenze zwischen dem Sächsischen und dem Bayerischen. Auto an Auto gereiht schiebt sich der blecherne Lindwurm über den Asphalt. Auf den sanften Hügeln des Vogtlandes erkenne ich am Horizont silhouettenhaft die Autoschlange, die sich in den Senken kurzzeitig meinem Blick entzogen hat. Es ist schwer auszumachen, ob sie sich bewegt oder verharrt. Sie bewegt sich - kriechend. Auch wir beide, mein Mann und ich, kriechen mit. Fast ein ganzes Volk kriecht. Einem Hundertmarkschein entgegen.

Ich wünsche umzukehren. Ganz im Geheimen. Angst, diese Begegnung mit der mir fremden Welt nicht verkraften zu können, schnürt mir die Kehle zu. Am Grenzübergang, bislang für mich "verbotenes Land", klopft das Herz hörbar. Diese Passage zwischen den beiden deutschen Staaten war für mein Leben nicht vorgesehen. Oder erst in weiter Ferne, wenn das Haar schütter und grau sein würde.

Unsere Personalausweise mit dem eingestempelten Visum halte ich krampfhaft in der Hand, doch der Posten des Bundesgrenzschutzes winkt uns vorbei.

Ich lese "Willkommen im Freistaat Bayern". Meine Gefühle kann ich nicht beschreiben, nicht erklären. In die Freude mischt sich Trauer. Der heftige Regen ist in feinen Niesel übergegangen. Die Kälte dringt bis auf die Haut. In Feilitzsch entdecke ich einen Wegweiser - "Begrüßungsgeldstelle". Mein Unbehagen wächst. Ein geschmückter Tannenbaum gibt dem zweckentfremdeten Ratssaal in der grenznahen Gemeinde wohlige Wärme. Es ist der dritte Advent.

"Grüß Gott!"

"Guten Tag!"

Wir sind die Einzigen, die hier das Begrüßungsgeld empfangen. Wohler wäre mir, in einer Schlange zu stehen, Anonymität zu wahren. Jetzt schäme ich mich. Die Frau am Ausgabeschalter versucht ein freundliches Gespräch. Ob sie ahnt, was in mir vorgeht?

Wir sind im Westen, und wir haben Westgeld!

In Rehau bleiben wir hängen. Für den Skoda ist schnell eine Lücke gefunden. Drängen, Schieben und lebhaftes Treiben beherrschen trotz des Regens die Fußgängerzone. Der Überfluß schmerzt: Juweliergeschäfte in gleißendes Licht getaucht, Wurst- und Fleischwaren in rosaroter Appetitlichkeit, Gemüse aller Jahreszeiten - und Früchte, deren Namen mir teils unbekannt sind.

Und plötzlich sind auch sie wieder da, die Kindheitsbegleiter, lange verdrängt: Stammbuchbilder, Kathreiner-Kaffee und der Frosch mit dem Krönchen.

Zaghaft betrete ich eine Drogerie mit schillernden Auslagen vor der Tür.

"Silberblauen Lidschatten hätte ich gerne."

Der Verkäufer legt eine nuancenreiche Palette vor und preist mehrfach kleine und mittelgroße Fläschchen "Klosterfrau - Melissengeist" an. "Für Sie, für den halben Preis."

Man sieht mir die Ostdeutsche an? Auch das Geld ist fremd in meinen Fingern. Mein Unsichersein wird bemerkt. Scham, unbändiger Zorn und Hilflosigkeit befallen mich erneut.

Spät beginnt die Heimfahrt. Der Regen hat nachgelassen, der Motor unseres Skoda summt monoton. Die Leuchtspur der Rücklichter glüht gleichmäßig fort. Langsam löst sich die Spannung.

Ich lasse meinen Tränen freien Lauf.

Heidi Huß

 


 

 

Kriegsmitgift

Das Schlimmste aber war die Sirene: gleichförmig heulend, auf- und abschwellend oder der schauderhafte Ton in kurze Intervalle zerhackt - immer drang sie bis in die Seele und in alle Fasern des Körpers. Und immer begann die Flucht in die Keller.

Und plötzlich Stille in der Nacht. Für mich das Unglaubliche. Schlafen können, eine ganze Nacht hindurch. Mehr begriff ich als Sechsjährige vom Ende des Krieges noch nicht.

Bombennächte bedeuteten Kriegsalltag - in meiner Erinnerung immer gegenwärtig.

 

Es mußte noch lange vor Tagesanbruch sein. Ich lauschte angestrengt in die Stille und wanderte unruhig mit meinen Augen im Finsteren umher. Das talgige Licht des Mondes ließ die Eisblumen am Fenster besonders bizarr hervortreten. Fast bis zum oberen Holzrahmen reichte ihr Blütenflor.

"Heute hab ich Geburtstag." Mit diesem schönen Gedanken wollte ich mich wieder fest in mein warmes Federbett kuscheln, als mir meine Mutter mehrmals leicht auf die Wangen klopfte. "Aufstehen Mädchen, Fliegeralarm!" Den gleichbleibend, regelmäßig unterbrochenen Heulton der Sirene hatte ich verschlafen.

Barfuß tastete ich mich durch das dunkle kalte Schlafzimmer hin zur Küche, in der meine resolute Großmutter schon die Bunkerlichter angezündet hatte. Diese flachen, praktischen Kerzen standen überall verteilt: auf dem riesigen Herd, der dunkelbraunen Anrichte, dem mit grüngesprenkeltem Wachstuch bespannten Küchentisch. Das Fenster war mit einem schwarzen Papierrollo verdunkelt, und die zu beiden Seiten angebrachten schmalen Bretter verhinderten, daß auch nur der geringste Lichtstrahl nach draußen dringen konnte.

Wir waren eine typische Kriegsfamilie: mit den rüstigen Großeltern, die eine Tischlerwerkstatt betrieben, meiner Mutter, der Tante, einem halbwüchsigen elternlosen Mädchen, das den Erwachsenen im Haushalt half, und meinem erst zweieinhalbjährigen Brüderchen. Von meinem Vater kamen Feldpostbriefe, und der Onkel "saß in Gefangenschaft", was in mir die wunderlichsten Vorstellungen weckte.

Während sich meine junge, schöne Tante - sie trug in ihrem halblangen gelockten Haar stets eine helle Schleife - um meinen kleinen Bruder kümmerte, packte die Großmutter den notwendigen Proviant und die beiden leicht verbeulten Thermosflaschen mit heißem Malzkaffee in die dunkelrote Wachstuchtasche. Jeder Handgriff saß, und jeder wußte, was er zu tun hatte. In dieser schnellen und stummen Geschäftigkeit blieb nicht einmal Zeit, die klirrende Kälte zu fühlen.

Meine Anziehsachen lagen ordentlich gestapelt auf der gepolsterten Ofenbank. Manches mußte doppelt oder dreifach vorhanden sein, denn was man auf dem Körper hatte, konnte bei einem Bombenangriff das einzig Gerettete sein.

Ich spürte die kalten Finger meiner Mutter auf meinem Rücken, als sie mir das Leibchen zuknöpfte, jenes Kleidungsstück, das ich mir noch nicht alleine anziehen konnte. Sogar mit den ausgeleierten Strumpfhaltern kam ich zurecht, auch wenn die runden Gumminippel immer wieder aus den Oesen herausspringen wollten. Über die von der Großmutter gestrickten Strümpfe zog ich die verhaßten kratzigen Gamaschenhosen. Mit den beiden Pullovern hatte ich keine Probleme, nur mit den Trägerrücken verhedderte ich mich. Um die Haken der hohen schwarzen Schnürschuhe zurrte ich geschickt die langen mehrfach geknoteten Senkel. Mutter half mir in den rot-weiß-karierten Mantel, der am Kragen und an den Bündchen mit Kaninchenfell verziert war, und schloß mit flinken Händen die samtüberzogenen Knöpfe. Wir Kinder trugen um den Hals einen ledernen Brustbeutel, in dem, in wasserdichtes Papier gewickelt, ein Kärtchen mit unseren persönlichen Daten steckte.

Meine kleinen Schätze, die Käthe-Kruse-Puppe und mein Lieblingsbuch "Wie Engelchen seine Mutter suchte" lagen schon in einem bunten Kunststoffköfferchen verstaut. Auch dieses Gepäckstück stand immer griffbereit.

Großvater war inzwischen von seinem ersten Kontrollgang zurückgekommen. Als Luftschutzhelfer prüfte er vor den Häusern in der Nachbarschaft, ob alle Fenster gut verdunkelt waren, denn der kleinste verräterische Schimmer konnte zur tödlichen Gefahr werden. Nun schleppte er noch einen Packen grauer Decken in den Keller, der allen Hausbewohnern als Luftschutzraum diente.

Für uns wurde es höchste Zeit. Die Tante nahm meinen Bruder, der sich die müden Augen rieb, auf den Arm. Der Kleine war so an diese wiederkehrende nächtliche Zeremonie gewöhnt, daß er nur selten weinte. Gemeinsam mit dem jungen Mädchen trug Großmutter die Provianttasche, und meine Mutter blies gewissenhaft die Bunkerlichter aus.

Vor der Wohnungstüre standen auf einem flachen Podest zwei Eimer mit Löschsand, die große Zinkwanne voller Wasser und mehrere Feuerpatschen. Als aus dem Obergeschoß die alte Oeser-Mamm mit dem großen Henkelkorb kam, in dem wie immer ihr lehmfarbener Kater lag, tänzelte ich im Halbdunkeln vor ihr herum: "Mamm, ich hab heute Geburtstag", stolperte aber dabei so unglücklich, daß ich rücklings in die Wanne mit eiskaltem Wasser fiel.

Geistesgegenwärtig riß mich die Mutter heraus. Im gleichen Moment jaulte die Sirene ihr schreckliches Auf und Ab. Hauptalarm! Und während alle anderen in den Keller hasteten, trug Mutter mich triefendes Bündel in die kalte Wohnung zurück. Sie ließ das Rollo vorm Fenster nach oben schnappen, so daß der dämmernde Morgen einigermaßen die Küche erhellen konnte.

Ich stand hilflos inmitten einer Wasserlache, tropfte aus den Ärmeln und dem Mantelsaum und fror erbärmlich. Mutter streifte mir mit fliegender Hast die klitschnassen Sachen vom Körper, rubbelte mich trocken und hüllte mich in die hellbraune wuschlige Kamelhaardecke. So saß ich, immer noch stumm vor Schreck, auf dem Küchentisch, als das Dröhnen der ersten Flugzeuge die unheilvolle Stille durchbrach. Ich schrie nun aus Leibeskräften - vor lauter Angst, aber auch, um das nahende Brummen nicht hören zu müssen. Meine Mutter kam mit frischen Wäschestücken über dem Arm in die Küche gerannt, drückte mich fest an sich und strich immer wieder über mein feuchtes Haar.

"Bleib ganz ruhig, mein Mädchen, du bist doch ein Sonntagskind. Wenn wir beide tapfer sind, wird uns nichts passieren." Mit ihrer sanften Stimme wollte sie mir die Angst nehmen, das Unheil abwenden - und mußte doch selbst von Angst geschüttelt sein.

Langsam beruhigte ich mich, aber ein hartnäckiger Schlucken ließ mich erneut aufschluchzen. An Mutters Hand stieg ich Minuten danach, noch von Schuldgefühlen geplagt, die Stufen zum Keller hinab.

Als zwei Stunden später - nach der erlösenden Entwarnung - die Familie am Frühstückstisch saß, konnte ich sogar lachen. Wir hatten alle wieder Glück gehabt. Mit kraftvollen Schwüngen drehte die Großmutter die Kurbel der quietschenden Handmühle. Die Getreidekörner knirschten geradezu verführerisch. Süße Kornsuppe würde es geben! Heute, zur Feier des Tages, extra mit Milch gekocht. Es war ja mein Geburtstag, der 12. Februar 1945, und ich wurde sechs Jahre alt.

 

Sirenenklänge, zu DDR-Zeiten mittwochs stets zur gleichen Zeit geschaltet, behielten für mich ein Leben lang ihre schauerliche Melodie. Mitgift des Krieges! Ich kann sie auch heute noch nicht auf den Müll der Geschichte werfen.

Heidi Huß


 

Newa

Abfluss des Ladogasees mit vier Buchstaben. Ein sehr altes Kreuzworträtsel; kann mich nicht erinnern, in den letzten Jahren das Wort "Newa" geschrieben zu haben. Kennst du nicht?

Da will ich dir eine Geschichte erzählen. Eine verrückte.

1968, ich war 29. Erstmals flog ich allein ins Ausland, also ohne Reisegruppe und ohne Reiseleiter. Larissa und Ljonja hatten mich nach Leningrad eingeladen. Großes Theater mit dem Visum! Ich hatte Westverwandtschaft und Larissa arbeitete in der Raketenforschung. Das wußte ich zu dem Zeitpunkt allerdings nicht. Ist ja auch für die Geschichte nicht wichtig, bloß damit du nicht glaubst, dass es selbstverständlich war, individuell in ein Ostblockland zu reisen. Es wurde meine zweite Begegnung mit dieser großartigen Stadt, und Leningrad war unser Venedig, unser östliches, obwohl es im Norden liegt, auf genau einhunderteins Inseln, die von über 350 Brücken untereinander und mit den Ufern verbunden werden. Das Venedig im Süden gehörte eben zum Westen, wenn du verstehst, was ich meine.

Meine Gastgeber gingen tagsüber arbeiten und ich konnte auf eigene Faust los, wollte dorthin, wo die Newa in den Finnischen Meerbusen fließt, in viele Flüsse und Flüsschen zerteilt. Mit Stadtplan, Wörterbuch und den nötigen Rubeln ausgestattet, zwängte ich mich in die überfüllte Metro und fuhr anschließend mit der Trambahn, wo ich bald der einzige Fahrgast war, zum "Meerespark des Sieges". Ich war stolz auf mich. In der Fünf-Millionenstadt hatte ich mich nicht verfranst.

Den Strand hättest du sehen müssen; wunderbarer weißer und weicher Sand! Und vor mir das Meer. Der breiteste Arm des Flusses, die Bolschaja Newa, war hier kaum zu überblicken. Irgendwo konnte ich eine Insel ausmachen. Weit draußen. Nur wenige Leute, ältere Frauen vor allem, spielten mit Kindern, saßen im Sand. Meist im Unterrock oder auch nur mit BH und Schlüpfern bekleidet. Manche standen mit ausgebreiteten Armen, das Gesicht zur Sonne. Nimm mal den Atlas! Die Europakarte! Und dann geh dem Breitengrad nach, auf dem St. Petersburg liegt, dem sechzigsten. Ja, ich war genauso überrascht. Es liegt so weit nördlich, wie der südlichste Punkt Grönlands. Die Sonne steht tief, schon am Mittag. Also reckte auch ich mich stehend ihr entgegen. Mit weißer Bluse und türkisfarbenem Plisseerock. Meinen Nylonmantel hatte ich in den Sand gebreitet. Du lachst. Jeans? Damals wußte ich nicht einmal, wie man das schreibt, geschweige denn, wo man so etwas bekommt. Ich hab mich dann auf den Mantel gesetzt und gelesen; ich glaube Martin Selbers "Karibischer Feuerofen". Aber ich schweife schon wieder ab.

Plötzlich stand er neben mir und wollte wissen, was ich lese. Ich hielt das Buch hoch - auch acht Jahre Schulrussisch reichten nicht, um "Karibischer Feuerofen" zu übersetzen - und lud mit einer Geste ein, auf meinem Mantel Platz zu nehmen. Der junge Mann erzählte, dass er Arzt sei und zur Zeit "am Knie" arbeite. Aha, ein Orthop„de. Unsere Konversation floß dürftig. Heute würde man das als Small Talk bezeichnen.

Da wies er hinüber zur Insel und sagte, dort seien seine Freunde und eine könne besonders gut deutsch. Mit dem Ruderboot sei das gar kein Problem, und ich solle mitkommen. Tatsächlich lag da ein umgekipptes Boot. Ich hatte es bis jetzt nicht beachtet. Glaubte der Herr Doktor wirklich, ich würde mich auf solch ein Abenteuer einlassen. Er rief einen in der N„he spielenden etwa neunjährigen Jungen, den er mir als seinen Sohn vorstellte. Die beiden machten das Boot flott und baten mich einzusteigen. Nein, du irrst dich. Ich hab die Reise mitgemacht, in türkisfarbenem Plisseerock, mit hellem Nylonmantel, mit einem wildfremden Mann, irgendwo am Ende der Welt. Die Strömung des Flusses war so stark, dass der junge Mann Mühe hatte, auf geradem Kurs zur Insel zu kommen, und das Ufer, nach dem ich mich zurückwünschte, rückte fort und fort. Welcher Teufel hatte mich geritten! In schlimmsten Farben malte ich mir aus, was wohl mit mir auf der Insel geschehe. Ich sah mich schon um mein Leben schwimmen. Meine Freunde, mit denen ich mich gegen 19.00 Uhr an der Fontanka-Brücke auf dem Newski treffen wollte, würden niemals hier nach mir suchen.

Beim N„herkommen entdeckte ich zu meiner Erleichterung Leute auf der Insel - dort schien ein Camp oder sowas ähnliches zu sein. Wir wurden freudig empfangen und ich - wohl auch wegen meiner unpassenden Kleidung - neugierig beguckt. Der Arzt hatte nicht geflunkert. Da sprach wirklich eine ein gutes Deutsch und ich erfuhr, dass es sich um das Trainingslager eines Rudervereins handelte. Es klingt heute recht kitschig. Aber bald saß ich mit im Kreis um ein Feuer und hielt wie die anderen auch einen Fisch an einem Stock in die Flammen. Ein Mädchen hatte mir praktischerweise ein Sportdress gegeben. Und wir sangen. Mit russischen Liedern hatte ich keine Probleme - auch nicht mit unserem deutschen Liedgut. Dann wurde die Flaschenpost vorbereitet. Alle unterschrieben, auch ich. Ob die Buddel wirklich irgendwo und irgendwann an Land gespült wurde, ich weiß es nicht. Aber, dass ich dazu gehörte: Heidi Klug aus Karl-Marx-Stadt, DDR, das wühlte mich auf und beeindruckt mich noch heute. Fast hatte ich das Unbehagen um die ungewisse Rückfahrt verdrängt. Bis zur vereinbarten Zeit blieben nur noch zwei Stunden. Doch alles war bedacht. Ein großes, kräftiges Mädchen, Ludmilla - ihren Namen habe ich mir gemerkt - bekam die Order, mich bis ins Zentrum Leningrads zu rudern. Das schien mir absurd, solch eine Strecke! Sie machte es wahr: sie steuerte das Boot durch breite und schmale Flussarme, unter Brücken entlang und durch enge Kanäle, vorbei an weißen Ausflugsdampfern, Tragflächenbooten und Lastkähnen.

Ich werde niemals vergessen, wie ich auf wackligen Beinen, mit zerknautschtem und nassem Plisseerock, den Mantel über dem Arm, die steilen Stufen an der Ufermauer der Fontanka zum belebten Newski-Prospekt hinaufstieg. Ich winkte zu Ludmilla hinunter. Sie hatte einen weiten Weg vor sich. Aber es war die Zeit der Weißen Nächte. Und Newa bleibt für mich ein Abenteuer - mehr als vier Buchstaben im Kreuzworträtsel.

Heidi Huß


 

Der Sprung oder Brüchiger Widerstand

Zum dritten Male mißt der hochgewachsene Mann mit kleinen tänzelnden Schritten den Abstand zwischen der Bordsteinkante und dem grellbunten Schaufenster der erst kürzlich eröffneten Bücher-Boutique.

Zu dieser mittäglichen Stunde schieben und drängen sich viele mit Taschen und Plastebeuteln beladene Passanten durch die enge Fußgängerzone der Kleinstadt. Hier schien einstmals die Welt zu Ende zu sein.

Der Mann muß seinen kurzen Lauf immer wieder unterbrechen, doch keiner der Vorüberhastenden beachtet sein sonderbares Tun. Selbst den wenigen Gästen, die nebenan im Schatten roter Sonnenschirme Coca Cola und Capuccino trinken, fällt der hüpfende Mann nicht auf.

Gleich wird die Jalousie an der Ladentür herunterrasseln. Der Mann könnte die Uhr danach stellen. Genau darauf ist seine Konzentration gerichtet. Er wippt mehrfach auf der Stelle, schnellt dann - wie von einer unsichtbaren Feder getrieben - nach vorn. Eben noch hochaufgerichtet, krümmt er sich zum Knäuel, und noch im Salto drückt er den massigen Rücken gegen die dickwandige Schaufensterscheibe. Nur kurz währt ihr Widerstand, dann reißt und splittert das Glas, dumpf dröhnend und klirrend hell. Ein Paradesprung - lehrbuchhaft. Jeder Fremdenlegionär oder G G 9 - Mann beherrscht ihn. Hunderte male gewagt, hunderte Male gelungen. Der Mann steht wieder auf den Beinen. Und bevor die aufgescheuchten Straßencafegäste begreifen, was da Ungeheuerliches geschehen ist, trampelt er wie besessen auf Büchern und Broschüren herum, wirbelt mit wilden Beinschlägen Scherben und Papierfetzen durcheinander. Da hat wohl einer den Verstand verloren.

Total erschöpft steigt der Mann nach unbegreiflichen, dramatischen Minuten durch die geborstene Scheibe, deren zersplitterte Ränder Raubtierzähnen gleichen, auf den Fußweg zurück und läßt sich willenlos von zwei herbeigeeilten Polizisten durch die nun wild gestikulierende und schreiende Menge zum Streifenwagen führen. Nur wenige Autominuten entfernt liegt das Revier.

"Name?"

"Krokendorf, Lutz Krokendorf."

Der Mann hat sichtlich Mühe, die Stimme nicht flattern zu lassen. Er will aber sprechen, will alles hinter sich bringen.

"Ich wohne draußen in der Siedlung, direkt an der Autobahn. Gartensteig 15, ...bin verheiratet." Den Personalausweis holt er unaufgefordert aus dem abgewetzten Portemonnaie, das wie immer in der Gesäßtasche steckt.

Der Beamte, ein spindeldürrer, blasser Mann, hat seinen Stuhl dicht an Krokendorf herangerückt, und so - auf gleicher Augenhöhe - läßt er seinen Blick auf dessen abgekämpften müden Gesicht ruhen, schaut aber dann wie gebannt auf die großen gebräunten Hände.

"Mann, Sie bluten ja!"

Eine schmale rote Spur kriecht auf dem rechten Handrücken entlang. Krokendorf entdeckt das Malheur erst jetzt und streift fast mechanisch den Ärmel des Pullovers zurück.

Das sieht nicht gut aus. Sein Gesicht wird noch einen Schein fahler.

Der herbeigerufene Notarzt versorgt schweigend die Schnittwunde, die wenige Zentimeter oberhalb des Handgelenks klafft. Fragen zu stellen, ist nicht seine Sache, höchstens nach der letzten Tetanusimpfung. Krokendorf spürt den Schmerz wie aus weiter Ferne, nimmt dafür aber umso deutlicher den schmuddligen Kittel des jungen Mannes wahr. Das macht ihn noch elender.

"Ich brauch 'nen Kaffee! Bitte, schnell!"

Gierig schüttet Krokendorf wenige Minuten später das kochendheiße Getränk in sich hinein. Er fühlt, wie jede Regung seines Gesichts registriert wird und zwingt sich mühsam zur Ruhe. Nur jetzt nicht schlappmachen! Der wie von einem erbarmungslosen Kampf gezeichnete Körper läßt kaum ahnen, daß da ein Athlet sitzt. Einst Ausnahmeathlet, Hochspringer, der die Salti vor- und rückwärts beherrscht, aus dem Stand und vom Trampolin. Mit seinen Sprüngen konnte er jeden Sommer am Ostseestrand Hunderte von Urlaubern faszinieren.

Viel zu heftig stellt er die Tasse auf den Tisch zurück. Die linke Hand ist frei, die gesunde. Damit faßt er wie aus Verlegenheit wiederholt in sein dünnes aschblondes Haar, das am Hinterkopf die Haut durchschimmern läßt - Tribut an fünfundzwanzig Jahre Uniformtragen.

"Haben Sie Arbeit?"

"Gelegentlich. Nichts Festes. War bei der NVA. Berufssoldat." Und er holt tief Luft, als wolle er Bedeutendes sagen: "Na ja, was solls."

Der Beamte verbirgt sein Empfinden hinter einem gleichmäßig freundlichen Gesicht. Er könnte Krokendorfs Sohn sein. "Warum haben Sie die Scheibe zerschlagen?"

"Ich hab sie nicht zerschlagen." Und nach einer Pause:

"Ich bin gesprungen."

Krokendorf hält dem verständnislosen Blick des Polizisten stand. Leise fügt er hinzu, beinahe heiter:

"Josef, kennen Sie den noch? Sie sind wohl dafür nicht alt genug. Der sprang auch, der Josef."

"Mein Gott! Welcher Josef denn? Und warum zum Teufel! Werden Sie doch endlich konkret!"

Die Antwort tröpfelt. Irgendwie apathisch und doch mit einem Anflug von Trotz antwortet er: "Das ist doch eine viel zu lange Geschichte. Würden Sie sowieso nicht verstehen."

Der Beamte geht einige Schritte im Raum umher, läßt mit vibrierenden Fingern einen Trommelwirbel gegen die Fensterscheibe prasseln. Dann sitzt er Krokendorf wieder Auge in Auge gegenüber.

"Sie haben großen Schaden angerichtet, Herr Krokendorf!"

"Die Scheibe ersetz ich!"

"Ja, die Scheibe. Und die Bücher? Wissen Sie, was die wert sind, Mann!"

"Bücher? Bücher! Ha, das ist ...!"

Hysterisch lachend schnellt Krokendorf vom Stuhl hoch, läuft wie ein gefangenes Tier mehrmals zwischen dem sorgfältig aufgeräumten Schreibtisch und dem schmucklosen Fenster hin und her.

"Das nennen Sie Bücher? Unrat war das! Stinkender brauner Unrat!" Und er schlägt im Rhythmus der Silben die verletzte Hand immer wieder gegen die Wand.

"Stin-ken-de brau-ne Sup-pe. Und das fünfzig Jahre nach...nach...Ach!"

Dieses Ach bleibt für Sekunden zwischen den kalten Wänden hängen. Verzweifelt, mit zuckenden Lippen, die er jetzt nicht mehr bändigen kann, sackt Krokendorf auf den Stuhl nieder. Und mehr zu sich selbst flüstert er: "Jeder rebelliert auf seine Weise, eben so, wie er's am besten kann."

"Herr Krokendorf, ich laß Sie nach Hause fahren. Beruhigen Sie sich erst einmal. Wir können morgen weiter reden. Vielleicht erzählen Sie mir dann, was mit diesem Josef war."

Lutz Krokendorf steht bewegungslos am Fenster. So ohne Gardinen kann der Blick schweifen - auf die gepflegte Terrasse und den völlig verwilderten Garten. Diese Terrasse ist Linas Welt. Ihre sorgenden geschickten Hände lassen Blumen und sogar Stauden in üppiger Fülle und dem gesamten Farbspektrum von rot bis violett erblühen. Krokendorf bewundert seine Frau; sperrt jedoch ihren Sinn für Ordnung und Ästhetik vom angrenzenden Garten aus. Er liebt ihn so, wie die Natur ihn geschaffen hat: mit hohem Gras, in dem die Enkelin Wiesenblumen pflücken kann, mit Büschen und einer Brombeerhecke, deren Zweige ineinander wuchern, mit einer weit ausladenden Kastanie, die Krokendorfs Großvater einst pflanzte.

Das Glucksen in der rechten Hand holt Krokendorf in die Gegenwart zurück. 'Welcher Teufel hat mich geritten, durch die Scheibe zu springen?' Aufbäumen wollte er sich gegen das Schweigen, gegen die Gleichgültigen. Vier Tage lang behaupteten übelste Nazi-Schriften wie harmlose Kinderbücher oder Reisemagazine ihren Platz im Schaufenster. Und keiner hat daran Anstoß genommen. Niemand - auch die lautesten Schreihälse nicht.

Brüsk reißt sich Krokendorf von der Gartenidylle los. Seine Blicke huschen tastend an zahllosen Bücherrücken entlang. Über die gesamte Breite des Wohnzimmers spannt sich bis zur Decke hinauf das von ihm gezimmerte riesige Regal. Das ist seine Welt, die er aber gern und freiwillig mit Frau Lina teilt.

In den turbulenten Wochen und Monaten des Umbruchs war die Lust auf Lesen gnadenlos an den Rand des Alltags gespült worden. Doch längst haben sich die "Lieblinge" da oben im Bücherbord ihren Platz zurückerobert. Behutsam streichen Krokendorfs Finger über die Bände hinweg: Christa Wolf, Anna Seghers, Erwin Strittmatter, Hermann Kant, Günter Gärlich - seine Lebensbegleiter. Sie lassen seine einmal erworbenen Prinzipien nicht so schnell zu Staub zerbröckeln.

Krokendorf angelt mit dem Fuß die kleine praktische Setztreppe heran. Der Fast-Zwei-Meter-Mann benötigt sie, um bequemer an die Bücherreihe unterhalb der Decke heranzukommen.

"Wie war das mit diesem Josef? Warum ist er gesprungen?" Halblaut murmelt Krokendorf vor sich hin. Da ist es, was er sucht. Gezielt greift er Herbert Ottos "Zum Beispiel Josef" heraus und beginnt, mit den Fingern der verletzten Hand hastig zu blättern.

So steht er noch immer auf dem obersten Tritt, den Rücken an die Bücherwand gelehnt, als Lina nach zermürbendem Dienst in einer geschützten Werkstatt das Wohnzimmer betritt.

"Du hast dir aber nicht gerade den bequemsten Platz ausgesucht", begrüßt sie ihren überraschten Mann, der das Schließen an der Dielentür völlig überhört hat.

"Das war wieder ein Tag, zum Verzweifeln!" Sie läßt sich erleichtert in den wuchtigen dunkelbraunen Ledersessel plumpsen. "Was liest du da, den Otto?"

"Hm, ...ich weiß nicht mehr genau, warum der den Josef mehrmals durch Scheiben springen läßt."

"Das gibt es doch nicht, ist ja fast Gedankenübertragung, das ist ein Witz! Du hast wohl auch von dem Verrückten gehört, der in den Bücher-Schuppen gesprungen sein soll." Und da Krokendorf nicht reagiert, führt sie hastig fort: "Weißt du, der Laden, wo seit Tagen diese Nazi-Schwarten rumliegen. Das war heute nachmittag Stadtgespräch. Gesehen hat's aber keiner genau. Vielleicht ist einigen die Phantasie durchgegangen. Wer weiß, was da gegen die Scheibe geprasselt ist." Und nach kurzer Pause, die Krokendorf nicht für eine Antwort zu nutzen weiß, sagt sie:

"Lies mir vor, was du gefunden hast!"

Krokendorf steigt umständlich von der Leiter, setzt sich, die Beine weit von sich gestreckt, auf die oberste Stufe und liest mit nuschelnder und immer schneller werdender Stimme:

"Und manchmal muß ich das machen und mir vorzeigen, daß ich's noch kann. Und bestimmte Sachen sind geregelt, hinterher. Für ein Weilchen."

Krokendorf blättert, überfliegt die Seiten, hakt sich mit den Augen wieder fest und liest, die verbundene Hand unter dem Buch versteckt haltend, laut weiter:

"Josef war auch für Geld gesprungen. Aber unbezahlbar die Lust zu fliegen. Für Sekunden die Schwerkraft überwinden, nicht überwinden, nur anders beherrschen, fliegend, und dann der Widerstand der spröden Fläche, die Drehung, der Stand..."

Lina zieht sich aus dem Sessel hoch, geht zum breiten Fenstersims und zupft nachdenklich einzelne verwelkte Blüten aus den Topfpflanzen heraus.

"War Josef nicht auch in einen Blumenladen gesprungen, nur weil er am Wochenende einen Strauß für sein Mädchen brauchte?" fragt sie dazwischen und unterbricht den teils stockenden Lesevortrag ihres Mannes. "Und jetzt das Ganze wegen dieser Scheiß-Bücher? Wenn's so w„r, warum? Courage? Protest? Morgen werden wir's in der Zeitung lesen". Und schon an der Tür zum Flur: "Ich mach uns jetzt was zu essen."

Wie geistesabwesend stellt Krokendorf das Buch an seinen Platz zurück, dennoch gewissenhaft zwischen "Maria" und den "Elch".

Erst als sich die Eheleute eine halbe Stunde später am Abendbrottisch gegenübersitzen, bemerkt Lina die verbundene Hand.

"Du bist verletzt? Lutz, was ist passiert?"

"Ach, nichts weiter. Ich bin nur durch eine Scheibe gesprungen."

 

 

Heidi Huß