Mein Seh-Zeichen

 

Ich mag ihn. Doch nicht immer schon. Als er wuchs – in Meterschüben pro Tag – habe ich ihn gehasst. Solch ein Koloss! Er hatte Wege zerschnitten, Siedlungen getrennt, Menschen entzweit.

 

Heute ist er mein Seh-Zeichen. Weithin ragend.

 

Manchmal tanzen Seepferdchen auf seinem obersten Gesims. Hüpfen übermutig auf und ab. Eins duckt sich, eins streckt sich, ein drittes fliegt davon.

Abends trägt er sein rotes Kollier. Schmückt sich bis zur Stirn mit funkelnden Steinen.

 

Wenn ich heimwärts reise, ist er der erste, der mich grüßt. Ob von Dresden oder Zwickau kommend; ob unterwegs auf hügeligen Straßen im Muldental oder vom Thumer Berg rollend. Er sagt mir: du bist bald zu Hause.

 

Eine Fahne schwenkt er immer.

Mitunter zu brodelnden Wolken geformt, wo eine aus der anderen quillt. Dann wieder zeigt er mit majestätisch großer Geste einen weithin fliehenden Schweif. An ruhigen Tagen hält er Balance – kerzengerade, gestreckt.

Er spielt mit der Fahne, schafft täglich neue Bilder: Am roten Abendhimmel faucht ein schwarzer Drache; Schäfchen ziehen friedlich ostwärts. Und im Winter erst! Bei klirrendem Frost entstehen Berge aus Eis und Gletscher vor blauer Kulisse.

 

Natürlich, anderswo grüßen die Augustusburg, der Meißner Dom, die Annenkirche.

Doch nie beweglich, so lebendig.

 

Einst nannte ich ihn “Riese von Mitte-Nord“. Er bleibt mein Seh-Zeichen von Chemnitz. Der Schornstein des Heizkraftwerkes – 300 Meter hoch.