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Leseprobe Anthologie III

Ursula Wirth

Erste Lesung

Als Susanne den Saal - mehr ein großes Klassenzimmer - betrat, waren bereits alle Stühle besetzt. Sie stieg hinauf zum Podium. Dort standen Tisch und Stuhl für sie bereit.

Susanne wagte kaum den Blich zu heben, fühlte sich von hundert Augen durchschaut.

Mit klammen Fingern griff sie nach der Mappe. Fremd klang ihr die Stimme im Ohr. Steif und ungelenk der eigene Text.

Sie glaubte, sich hinter den Worten verstecken zu können. Das war ein Trugschluß.

 

 

Vorzeiten

Ein schmaler, gewundener Pfad führte in das Hochtal, in das sich ein Eremit zurückgezogen hatte. Er lebte genügsam und mit der Natur im Einklang. Täglich folgte er dem Pfad, bis sein Blick weit über das Land schweifen konnte. Klein wie Ameisen sah er die Menschen emsig werkeln. Von oben schaute er auf sie herab.

Eines Tages bemerkte er, daß der schmale Pfad enger war als zuvor. Steinchen waren über Nacht den Hang hinabgerollt und bildeten einen kleinen Hügel. Der Mann sammelte die Steine in seine Mütze. Am nächsten Tag mußte er seine Mütze fünf mal füllen, ehe der Weg wieder begehbar war. Am Tag darauf nahm der Mann die Holzkiepe und arbeitete den ganzen Vormittag, um den Weg freizuschaufeln. Von nun an räumte er täglich Schutt und Steine beiseite. Täglich war der Pfad neu verschüttet. Auf dem Feld neben der Hütte wuchs das Unkraut Kniehoch. Der Mann schaufelte Steine. Er schaute nicht auf von dieser Arbeit, bis ein Dröhnen das Tal erfüllte. Ein Felsbrocken, übermannsgroß, polterte herab.