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Leseprobe Anthologie II

Rudolf G. Siering

"Hobby-Literaten"

Neulich las Hugo in der Zeitung, daß in der Stadt ein Verein von Hobby-Autoren existiert. Das hat ihn interessiert, denn Hugo schreibt schon seit langem Texte. Gute Texte! Nur so für sich, zu seinem eigenen Vergnügen, so eine Art Freizeit-Böll. Also, gehste mal hin, dachte sich Hugo.

 Erst war er ein bißchen enttäuscht. Keiner trug eine Baskenmütze oder einen malerischen Seidenschal. Der Vorsitzende war immerhin ein Professor, aber nicht für Literatur, wie man meinen sollte, sondern, wie sich herausstellte, nur für Informatik, oder so was.

Und dann begannen einige der Anwesenden ihre neuen Geschichten vorzulesen. Einer, so ein Zeitungsfritze, ließ seinen Helden mit einem Kühlschrank (!) in die Zukunft reisen und wollte uns weismachen, unsere Nachfahren wüßten mit einer schönen Frau im Bett nichts mehr anzufangen und hätten keine Ahnung von Sauerbraten und Klößen. Der Nächste, auch ein Neuer wie Hugo, der penetrant oft bemerkte, daß er schon immer künstlerisch tätig gewesen sei, bevor er seinen Text vorlas. Der handelte vom Betrug durch Playback und anderem Blödsinn, den Hugo inzwischen vergessen hat. Ein anderer schwafelte über Tratsch und Nachbarschaftsneid und so was.

Die Texte wurden nun gemeinsam seziert, kritisiert und von einigen unverständlicherweise sogar teilweise für gut befunden. Dann war Hugo an der Reihe. Nachdem er sie Geschichten der anderen gehört hatte, war seine anfängliche Scheu wie weggeblasen. Er trug zwei seiner kleinen Werke vor. Danach war erst eine Stille wie im Konzertsaal, wenn der Dirigent den Taktstock senkt. Dann kam´s.

Die führten sich auf wie Reich-Ranicki, wenn er den Karasek anspuckt. Der Stil wurde zerpflückt, die Logik geleugnet und nach der Aussage gesucht. Neider, dachte Hugo und versuchte erst gar nicht zu widersprechen. Auf dem Weg nach Hause hat er dann ernsthaft überlegt, ob es Sinn mache, mit diesen Banausen weitere Zeit zu vergeuden.