Kaffeeklatsch

 

Neulich besuchte ich Herbert. Genauer: Prof. Dr. Herbert Höft. Wir haben uns verabredet, weil er mir mal angeboten hatte, meinem Sohn etwas über Physik zu erzählen. Als Physiker kann er das, wer sonst. Mein Sohn will mal in dieser Richtung studieren, denkt er. Das kann sich zwar noch drei mal ändern, aber vielleicht bekommt er einen Anstoß, an den er sich irgendwann erinnert.

Der Professor empfing uns am Gartenzaun. Seine Frau deckte den Tisch im Freien. Es wurde Kuchen und Kaffe aufgetan.

Kaum saßen wir, stellte Herbert schon die ersten Fragen an meinen Sohn.

Sein Dialekt, die kleine Gestalt und das freundliche Gesicht erinnerten mich an meinen Opa. Dieser ist längst tot, schade.

Mein Opa war kein Professor, er war nur einfacher Arbeiter. Trotzdem erschien er mir unglaublich weise.

Herbert lacht. Er sagt: Physik ist ein trockenes Gebiet. Man muss viel lernen. Aber es ist interessant. Man kann einiges über das Funktionieren der Welt erfahren.

Er erzählt über seine Kinder und über seine Enkel, über Gedanken zur modernen Physik und darüber, dass der Mensch noch lange nicht alles erkennen kann.

Ich schaue mir den Garten an, der gleich neben dem Tisch beginnt. Einige Pflanzen stehen in Töpfen, die sind nach dem Überwintern jetzt wieder an der Sonne.

Es fröstelt mich leicht, die Frühlingssonne hat noch nicht die nötige Kraft.

Mein Sohn stellt Fragen. Eine oder zwei. Der Professor hat erschöpfende Antworten, die gleich mit eigenen Geschichten verbunden sind. Geschichten kennt er viele. Kein Wunder, bei so einem wechselvollen Leben. Ich denke über seine Biografie nach, die ich aus unseren Büchern kenne und höre nicht mehr richtig zu. So, wie er hier sitzt, redet und lacht, muss er wohl schon immer gewesen sein. Das scheint angesichts der Kriegserlebnisse, seiner Vertreibung, des erstaunlichen Neubeginns und seiner Laufbahn aber kaum möglich. Ich würde ihn an seinem Gartenzaun nach einer Pflegeanleitung für Drachenbaum und Aloevera befragen, die in den Töpfen am Haus stehen, aber nicht danach, wie es denn mit seinem Lehrstuhl an einer renommierten Universität so war.

Der Nachmittag ist fortgeschritten. Er bietet an, uns nach Hause zu fahren. Ich ziere mich, sage, wir sind gut zu Fuß. Er sagt: Ich habe doch Zeit. Im Auto stellt er uns noch zwei, scheinbar unlösbare Denkaufgaben. Wir denken, er lenkt das Auto. Nach einer Weile sagt er: Da kommt ihr nie drauf, es kommt nämlich darauf an, wie man die Fragen stellt.

Zuhause freue ich mich auf unser nächstes Treffen.

 

*2003

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