Die Brücke und der Kuchen

´Den Wahlvogtländer besuchst du mal´, dachte ich, als er mir sagte, er arbeite an einem neuen Buch.

Nun kenne ich die Texte aus seinem ersten Buch, die mir eine sehr unterhaltsame Lektüre boten. Natürlich haben wir im Verein immer mal Ausschnitte hören dürfen, aber seine zum Teil skurrilen, zu Schabernack bis augenzwinkernder Bösartigkeit neigenden Gedichte, Aphorismen und kurzen Geschichten in geballter Ladung serviert zu bekommen, ist ein anderes Erlebnis. Was ich mich immer wieder frage: wie kann einer, eher der trockenen Wissenschaft beruflich verpflichtet (über 20 Jahre Dienst an der TU Chemnitz), solche Sachen mit lockerer Hand von sich geben.

Seine Lebensgefährtin und er bewohnen eine große Neubauwohnung in Reichenbach (Vogtl.). Was muss ein Gast wie ich zunächst tun, wenn er dort aufgenommen wird? Richtig: Essen!  Irgendwie mache ich vermutlich immer einen etwas verhungerten Eindruck. Andererseits ist mir bisschen wie bei Muttern, wenn jemand so um mein leibliches Wohl besorgt ist. Nachdem wir auch über seine Texte und den Titel des neuen Buches gesprochen haben, brechen wir zur Vogtlandrundfahrt auf. Besonders seiner Gefährtin, (er nennt sie einfach seine Frau), merkt man an, dass sie mit der Gegend verwachsen ist. Ich lasse mich trotz Mistwetter von der Schönheit der Gegend überzeugen. "Für so was müsst ihr in Chemnitz lange fahren!", sagte sie. Da hat sie recht. Gegen die Talsperre Pöhl ist alles bei uns eher ein Tümpel und die Chemnitz schneidet auch keine felsigen Schluchten ins Mittelgebirge. Ebenso verfügt meine Heimatstadt nicht über eine solche Brücke! Das Göltzschtal-Viadukt ist die größte Ziegelbrücke der Welt. Gleich im Nachbartal baute man eine sehr ähnlich Brücke, nicht ganz so groß. Das schlimmste war: meine mickrige Kamera, die ich extra für die Brücke mitgebracht hatte, konnte nicht annähernd das Gigantische des Bauwerks einfangen.

Es wurde wieder Zeit etwas zu essen. (Ich hatte schon wieder 7 Kilo abgenommen). Eine kleine Dorfgaststätte servierte Sauerbraten und Klöße. Vogtländisches Nationalgericht. Ich fragte nicht nach, ob es der "richtige" vogtländische Sauerbraten mit der Originalsauce ist. Es schmeckte. Auf dem Rückweg durfte ein Zwischenstop an einer berühmten Reichenbacher Bäckerei nicht ausbleiben, wir hatten ja noch nichts zum Kaffee am Nachmittag.

Die visuell-kulinarische Reise wird mir in angenehmer Erinnerung bleiben. Auf das neue Buch freue ich mich. Und immer, wenn Wolfgang mich besucht, schiele ich schon nach der Tüte, in der original Vogtländisches Backwerk duftet....

*2003

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