Egon Börner

 

Biografisches  

Wohnhaft in Chemnitz, Jahrgang 1941, verheiratet, Ehefrau Helga, Töchter Martina und Annett, erlernter Beruf: Elektromaschinenbauer, von 1968 bis 1991 Berufssoldat, von 1992 bis 2004 Repräsentant eines Pharmaunternehmens, Diplomgesellschaftswissenschaftler.

 

Veröffentlichungen:

„Spielgeil“ Erzählungen, EBEC Chemnitz 2003;

„Der alte Baum“, Kurzgeschichte, in Literaturkalender der Stadt Chemnitz III/03, 2003 

"Die Anhörung", Kurzgeschichte, in Anthologie Neue Literatur Frühjahr 2005 des Cornelia Goethe Literaturverlag Frankfurt a. M.;

"Ein Gespenst geht um", Erzählung, bei Tarantel 11/2005, Zeitschrift für Kultur von unten;

"Feuer im Golfklub", Erzählungen, EBEC Chemnitz 2006;

„Seitenwechsel“, Roman, EBEC Chemnitz 2007;

„Vom Arbeiterkind zum Verleger. Walter Janka., in Literarisches Chemnitz, Verlag Heimatland Sachsen, Chemnitz 2008 (mit Andreas Pehnke)

„Die Odyssee der Victoria L“, Roman, EBEC Chemnitz 2009;

Texte in Anthologien des 1. Chemnitzer Autorenvereins, Ausgaben 2004 bis 2009

"Das Gänseblumenmädchen" - Roman, 2013, united p.c.


 


 

Ein Gespenst geht um

Mit sanften Schaukeln setzte die Maschine auf der Rollbahn des Flughafens auf und bewegte sich gemächlich zum Gate für ankommende Passagiere. Verena Jacobi hatte das Schweben über den Dächern der Stadt wie jedesmal genossen und freute sich, nach einer Woche Urlaub wieder zu Hause zu sein. In der Halle mußte sie nicht lange suchen, denn mit einem glücklichen Schrei stürzte sich Stefan, ihr elfjähriger Sohn, in ihre Arme und barg schluchzend vor Freude seinen Kopf an ihrer Brust. Die Eltern hatten etwas abseits wartend, die Begrüßung zwischen den zwei zufrieden lächelnd beobachtet und näherten sich nun zur Übergabe eines bunten Straußes.

„Gut siehst du aus,“ bescheinigte ihr der Vater, während ihr die Mutter einen Kuß auf die Stirn hauchte. Auf der Fahrt durch die herbstliche Landschaft beantwortete Verena geduldig die Fragen des Sohnes nach Abenteuern im Wilden Westen. "Es war wunderbar," schwärmte sie und schloß, überwältigt von Erinnerungen, für einige Sekunden die Augen. Die Eltern versprachen, noch bis kommenden Mittwoch Stefan zu betreuen. "Viel Glück in München," wünschten die drei und verabschiedeten sich. Verena fuhr mit dem Lift in die fünfte Etage des Apartmenthauses und betrat ihre Eigentumswohnung. Duschen und dann nur noch schlafen, waren ihre Gedanken. Neugierig hörte sie, in ein großes Badetuch gewickelt, das Band des Anrufbeantworters ab und schmunzelte schläfrig, als sie die Stimme ihrer Freundin Alexandra und deren Bitte vernahm, sich umgehend nach ihrer Ankunft zu melden. Später, meine Liebe, später! Ein traumloser Schlaf umfing sie!

Am Montag früh hatte Verena gut gelaunt den ICE nach  München  bestiegen. Jetzt saß sie im mäßig besetzten Speisewagen und frühstückte ausgiebig. Das Vogtland flog an ihr vorbei. Sie mußte an den Feldeinsatz im letzten Frühjahr denken, der sie für einige Tage in diese Gegend geführt hatte. Es war eine gute, eine erfolgreiche Woche für sie selbst und auch die anderen Mitglieder des Teams gewesen. Sie hatten sich gefragt, woher die Leute das Geld für ihre nicht gerade billigen Produkte nahmen. Und einige hatten orakelt, daß es so schlimm mit den Folgen der Arbeitslosigkeit doch gar nicht sein könnte? Verena wußte das allerdings besser, denn sie war, gleich nach der Wende, als Lehrerin entlassen worden und mußte sich arbeitslos melden. Mit Grausen erinnerte sie sich noch heute ganz genau daran, daß sie damals in ein tiefes Loch gefallen war. Es hatte sie völlig unvorbereitet getroffen. Ihre Lage erschien ihr ausweglos, geradezu gespenstisch. Angst hatte sie angesprungen. Ohnmächtig wollte sie sich in ihr Schicksal ergeben. Sogar an Selbstmord hatte sie gedacht. Doch das war lange her. In der Zwischenzeit war viel Wasser die Bäche hinab gelaufen.  Die Tätigkeit im Außendienst machte ihr Spaß, die Anforderungen paßten zu ihrem fachlichen Profil und Geld war auch gut zu verdienen. Sie hatte es gepackt.  

Gestern, am Sonntag, telefonierte sie selbstverständlich mit Alexandra. Sie vereinbarten, sich am Nachmittag in ihrem Stammkaffee zu treffen. Wie immer saßen sie an dem kleinen runden Tisch in der Nähe des Fensters, das den Blick auf die vorbeihastenden Leute ermöglichte, und ließen sich verwöhnen. „Waren denn auch Männer in der Reisegruppe?" wollte Alex, wie sie von Verena zärtlich genannt wurde, wissen? "Na klar waren auch Männer dabei, was denkst denn du!" „Na und, hat es gefunkt bei dir?“ "Ach Alex," hatte Verena geseufzt, "du denkst auch immer nur an das Eine." „Na sag schon,“ drängelte Alex. "Mir hätte schon dieser oder jener gefallen, aber die waren leider alle in Begleitung ihrer Frauen oder Freundinnen, bis auf John, aber der war nicht meine Kragenweite." 

„Wieso, war der häßlich, hat er gestunken oder war der schwul?“ "Nichts von dem. Er war Amerikaner, schwarz und Reiseleiter, kapito?" 

Verena mußte unwillkürlich lächeln, als sie an das Gespräch dachte, während sie sich wieder in ihr Abteil begab.  Bis zum Ziel in München würden noch einige Stunden vergehen. Die Einladung zu einem Gespräch mit dem Vertriebsleiter des Unternehmens hatte sie noch vor ihrer Urlaubsreise erhalten. Eigentlich konnte es nur um ihre Erfahrungen gehen, die sie mit dem Verkauf des seit Sommer auf dem Markt befindlichen neuen Produkts gesammelt hatte.

Pünktlich erschien sie in dem protzigen Bau aus Glas und Beton und saß wartend im Vorzimmer des Vertriebsleiters. „Er ist noch beim Chef,“ hatte ihr Frau Nahler, die Sekretärin, flüsternd mit geteilt. Kein Problem, antwortete Verena und vertiefte sich in einen Artikel des "Münchner Kurier," der über den sensationellen Erfolg eines Künstlers berichtete, den er mit der Gestaltung eines bestens eingeführten Produkts auf der Frankfurter Buchmesse errungen hatte. Inzwischen verkauft sich das ganz erfolgreich, stellte Verena zufrieden fest.

„Guten Tag, Frau Jacobi.“ Die sonore Stimme des Vertriebsleiters schreckte Verena aus ihrer Lektüre. „Hatten Sie eine gute Fahrt? Kommen Sie! Frau Nahler, bitte zwei Kaffee.“ Während Franke das sprach, hatte er Verena  besitzergreifend am rechten Arm gefaßt und  sanft durch die offene Tür in sein Büro geschoben. „Ich freue mich, Sie wieder einmal in München zu sehen.

Ich hoffe, Sie geben mir die Ehre und gehen heute abend mit mir essen?“ "Ich freue mich auch und nehme ihre Einladung zum Essen gerne an." „Na wer sagts denn. Sie sind doch gar nicht so, wie immer berichtet wird.“

"Ich weiß zwar nicht, wovon Sie reden," erwiderte Verena verlegen lächelnd, "aber ich sehe kein Problem, mit ihnen zu speisen! Warum sollte ich?" „Recht so, meine Liebe.“ Frau Nahler brachte den Kaffee herein. „Bitte nicht mehr stören,“ verlangte Franke kategorisch, worauf die Sekretärin verständnisvoll mit dem Kopf nickte und geräuschlos den Raum verließ. „Wieviel Exemplare des neuen Produkts haben sie denn inzwischen verkauft?“ wollte Franke wissen. Also geht es doch um deine Erfahrungen, dachte Verena erleichtert und gab Bescheid. „Wenn ich das richtig sehe, ist das immer noch einsame Spitze unter allen Mitarbeitern. Wie machen sie das nur?“ Verena errötete leicht und meinte, "ein wenig Glück, ein wenig Erfahrung, ein wenig Charme, eben von allem ein bißchen, das macht wohl den Erfolg aus!"

„Wie dem auch sei. Solche Mitarbeiter wie sie kann man in diesen Zeiten nicht genug haben. Damit andere so schnell wie möglich auch dahin kommen, wo Sie mit ihren Ergebnissen bereits sind, wollen wir Sie befördern.“ Verena schaute den Vertriebsleiter zweifelnd an, brachte dann ihr charmantestes Lächeln zuwege und fragte gespannt: "Wollen Sie mich nach Österreich schicken oder in die Schweiz?" „Keineswegs,“ konterte Franke. Er suchte in den Zügen der jungen Frau zu lesen, taxierte sie wie der Händler eine Ware auf dem Basar und räusperte sich schließlich verlegen. „Also, um es kurz zu machen. Ab dem ersten Dezember brauchen wir für das Gebiet Westsachsen- Thüringen  einen neuen Regionalleiter. Diese Position sollen Sie besetzen. Was sagen Sie dazu? Ich hoffe, Sie geben mir keinen Korb.“

Verena erschrak. "Können Sie das noch einmal wiederholen?" „Gesagt ist gesagt, ich warte auf Ihre Antwort,“ entgegnete Franke belustigt. "Ich soll also drei Teams mit, warten sie, ich glaube, mit sechsundzwanzig Leuten, führen?"„Genau das erwarten wir von ihnen.“ "Haben sie vielleicht einen Kognak oder so etwas ähnliches?" Franke erhob sich, öffnete eine Tür des edlen Schrankes, der an der Wand stand, entnahm diesem eine halbvolle Flasche Asbach und zwei Gläser, goß gekonnt ein und reichte eines der Gläser quer über die Tischplatte zu Verena hinüber. „Prost, Frau Regionalleiterin.“

Auf einen Zug leerte Verena das randvolle Glas, schüttelte sich wie ein junger Pudel, hielt Franke das Glas hin, welches der wortlos erneut füllte und goß auch dieses, ohne abzusetzen, in sich hinein. "Frau Regionalleiterin bedankt sich für das Vertrauen des Herrn Vertriebsleiter! Uuups!"

„Soll das heißen, daß sie einverstanden sind?“ fragte Franke etwas unsicher. "Ja, das soll es heißen! Sind sie nun zufrieden?" Der Vertriebsleiter zündete sich offenbar entspannt eine Zigarette an. „Herzlichen Glückwunsch zur Beförderung, liebe Kollegin,“ brachte er flott hervor.

"Eine Bedingung stelle ich aber." „Und die wäre?“ wollte Franke lächelnd wissen? "Sie nehmen mich fachlich unter ihre Fittiche!" „Nichts lieber als das, beste Verena, das ist doch selbstverständlich.“ "Danke," erwiderte sie erleichtert. „Nun haben wir einen echten Grund, heute abend etwas zu feiern, meinen Sie nicht auch?“ "Ich denke schon," entgegnete Verena. 

Verena saß halb nackt auf dem Bett ihres Hotelzimmers. Sie hatte noch Zeit bis zum Rendezvous mit Franke. "Was ziehe ich an," fragte sie sich halblaut, "das taubengraue Kostüm und dazu die dezent grüne Bluse oder das karminrote Kleid mit dem tollen Ausschnitt und dem superkurzen Rock?" Mehr hatte sie nicht eingepackt. Sie entschied sich für das Kostüm. Franke sollte nicht denken, daß bei ihr ein Blumentopf zu gewinnen sei.

Verena war sich ihrer Ausstrahlung auf das männliche Geschlecht durchaus bewußt. Ihre gut proportionierten Reize waren auf einhunderteinundsiebzig Zentimeter Körpergröße verteilt. Wenn sie energisch ihren Kopf schüttelte, drohten ihre langen, schwarzen Haare wie die Sitze bei einem sich drehenden Kettenkarussell jeden Moment abzuheben. Wem es gelang, einen Blick von ihr aufzufangen, sah in groß geschnittene grau – grüne Augen, die wie von einem Künstler gewollt, mit der Farbe ihres Haares und ihrem dunklen Teint harmonierten und die eingerahmt waren von Brauen, die sich wie Sicheln im kühnen Bogen von der Nasenwurzel zu den Schläfen zogen.  Die Vollkommenheit ihrer Züge wurde nicht gestört durch eine gerade, vielleicht eine Nuance zu klein geratene Nase. Wenn sie lächelte, und daß tat sie gern und bei fast jeder Gelegenheit, schimmerte das Kirschrot ihrer Lippen feucht- erotisch und die zwei Reihen ihrer weißen, gut gewachsenen Zähne konnten es mit knackigem Gemüse ebenso aufnehmen wie mit einem Kanten frisch gebackenen Brotes.

Verena strahlte Optimismus, Lebensfreude und Selbstbewußtsein aus. Am meisten jedoch zogen ihre endlos langen, wohlgeformten Beine die Blicke der Männer an. Sie erinnerte sich, wie ihr beim morgendlichen Joggen am Strand von Los Angeles ein ganzes Rudel von Männern hinterhergedackelt waren. Zuerst war sie erschrocken. Doch dann gewann die Eitelkeit die Oberhand über sie. Mal sehen, wie die reagieren, ging es ihr durch den Kopf. Sie wurde langsamer, dann wieder schneller und schließlich trabte sie nur noch. Doch keiner von denen überholte sie. Einer blieb auf gleicher Höhe mit ihr, betrachtete mit offenem Mund ihr Profil und ließ sich sogleich wieder zurückfallen. Als sie diese Episode ihrer Freundin Alex erzählte, meinte diese: „Den Typen hat beim Anblick deiner Pracht die Blutversorgung im Hirn ausgesetzt und ist statt dessen in die Hosen gerutscht." Sie hatten beide darüber endlos lang und laut gelacht und einmal mehr die Aufmerksamkeit anwesender Gäste geweckt.

Als Verena die Halle betrat, winkte ihr Franke, eben noch lässig am Tresen der kleinen Bar stehend, erfreut zu. Mit federnden Schritten kam er, seine Hände auf dem Rücken verschränkt, auf sie zu, blieb drei Fußbreit vor ihr stehen und übergab ihr mit einer galanten Bewegung eine hellrote, langstielige Rose. „Sie sehen blendend aus.“ Verena bedankte sich artig, hakte sich fröhlich lächelnd bei Franke ein und ließ sich zum Taxi führen, das draußen vor dem Portal mit abgeblendeten Scheinwerfern bereitstand. Sie hatte erwartet, daß die Reise nach Schwabing geht. Doch das Taxi nahm den Weg zur Innenstadt. Was würde ihr der Abend bringen? Sie erkannte die Lichter der Fußgängerzone der Altstadt. Wenig später hielt der Wagen an und Franke führte Verena in eines der noblen, hier ansässigen Restaurants.              

Während des Essens erzählte Franke aufgeräumt vom Besuch eines Meisterschaftsspiels der Münchner Bayern und ließ Verena teilhaben an seiner Freude, ein gutes Spiel, natürlich mit einem Sieg der Seinen, gesehen zu haben. „Interessiert Sie Fußball?“ wollte er wissen. Verena schüttelte den Kopf. "Eigentlich nicht. Aber es hört sich wirklich aufregend an, wenn sie davon erzählen." Geschmeichelt grinste Franke und suchte, wie schon seit ihrer Ankunft, einen Blick von ihr zu erhaschen. Verena hatte das natürlich längst bemerkt und ließ ihn zappeln. Nach dem dritten Glas weißen Burgunders meinte Franke: „Wir bewegen uns ja nun gewissermaßen fast auf gleicher Augenhöhe, dienstlich zwar, aber immerhin.“

Verena wurde hellwach! „Sollten wir nicht aus diesem Anlaß zum freundschaftlichen Du übergehen?“ setzte Franke lauernd fort. Endlich schaute sie ihren Gegenüber an. Mit einem Anflug von Nichtigkeit in den Augen stimmte sie zu.

Franke nahm ihren Kopf  in seine Hände und suchte ihre Lippen. Einen Augenblick verlor sie die Kontrolle. Mit einem Ruck befreite sie sich, strich sich verlegen über ihre tadellos sitzende Frisur und sagte akzentuiert: "So war das aber nicht gemeint!" Franke mimte die Unschuld vom Lande und murmelte leicht angesäuert: „Entschuldige.“ "Schon gut," räumte Verena ein und bat, ins Hotel gebracht zu werden.

Erfreut stimmte Franke zu. Im Taxi suchte er ihre Nähe, doch Verena machte sich steif. Seine Absicht war klar. Sollte sie ihm nachgeben? „Ich bringe dich noch nach oben, in der Zimmerbar steht doch bestimmt noch ein Fläschchen Trinkbares,“ bettelte er. "Das kannst du vergessen," herrschte ihn Verena an. "Wir hatten freundschaftlichen Umgang miteinander vereinbart, und daß du mich fachlich unter deine Fittiche nimmst, nicht mehr und nicht weniger, oder hast du das schon wieder vergessen?" Franke schien enttäuscht. Aber so schnell gab er nicht auf. "Der Abend hat doch gerade erst angefangen. So jung kommen wir nicht wieder zusammen," flüsterte er eindringlich. Unentschlossen schaute sie Franke an. Dann gab sie sich einen Ruck. "Warum eigentlich nicht? Ein Gläschen geht tatsächlich noch. Gehen wir!"

Verstohlen betrachtete Franke das breite Bett. Sie stießen an und schauten sich erwartungsvoll in die Augen. "Ich möchte mit Dir schlafen," unterbrach Franke die Stille. "Verena, laß es uns tun! Du willst es doch auch?" Er zog sie zum Bett und drückte sie sanft in die Kissen. Es war lange her, daß sie mit einem Mann zusammen gewesen war. Die Verlockung erschien groß. Franke spürte ihre Unsicherheit. Er begann, sie zu entkleiden. Verena spürte seine warmen Hände auf ihrer Haut. Dann lag er auf ihr. In seiner Stimme, die eben noch gefleht hatte, war jetzt ein triumphierender Ton, als er forderte: "Mach schon, stell Dich nicht so an!" Seine Worte drückten wie Eisenplatten auf  ihre Seele. Sie stöhnte unter seinem Gewicht. Er glaubte, daß sie endlich die Leidenschaft zu packen begann. Deshalb beschleunigte er seine Bemühungen, zur Sache zu kommen. "Nein!" schrie Verena und schüttelte ihn ab wie eine lästige Fliege. "Bitte geh jetzt," keuchte sie.  

Franke, enttäuscht und dennoch um einen guten Abgang bemüht, lenkte ein und gestand freimütig: „Kenne sich einer aus in euch Frauen?“ "Die Dinge haben nun einmal  nur den Wert, den man ihnen verleiht," bemerkte Verena kalt. "So wird das nichts mit uns. Ich kann nicht über meinen Schatten springen." Nachdenklich geworden, verabschiedete sich Franke. 

Verwirrt starrte sie durch die Scheiben des Hotelfensters in die Dunkelheit. In diesem verdammten Hotel war es gespenstisch still. Sie hörte ihr Herz überdeutlich schlagen. Hatte sie richtig reagiert? Was hätte sie eine Nacht mit Franke schon gekostet? Den Preis für die Beförderung? "Ich bin doch nicht käuflich," schluchzte sie.  

Im Arbeitszimmer schrillte das Telefon. "Jacobi hier," meldete sich Verena wie immer mit freundlicher Stimme. Sie angelte nach dem Terminplan, warf einen kurzen Blick darauf und bestätigte die erbetene Terminverschiebung. Also würde sie morgen vormittags, anstatt heute am Nachmittag die Familie Kermer aufsuchen. Das kam ihr sogar entgegen. So konnte sie den heutigen Tag noch voll nutzen, um den unvermeidlichen Schreibkram zu erledigen.

Stefan war nach der Schule mit Freunden im Kino. Ihm hatten ihre einzigen Bedenken gegolten, die sich nach der Rückkehr aus München in ihr Gemüt geschlichen hatten. "Stefan, ich werde in Zukunft wahrscheinlich noch weniger Zeit für dich haben," hatte sie ihrem Sohn den Grund etwas schuldbewußt erklärt. „Mach dir deswegen keine Sorgen Mama,“ hatte Stefan geantwortet, „wir haben doch schon ganz andere Sachen gedeichselt. Die Hauptsache ist doch, daß du zufrieden bist. Ich helfe, wo ich kann und auf deine Gutenachtküsse kann ich auch langsam verzichten. Wo also liegt das Problem?“

"Ach mein großer, kluger Sohn," hatte Verena bewegt hervor gebracht und den Jungen in einer Anwandlung von Glück und zugleich Sehnsucht nach Liebe und Zärtlichkeit fest an sich gedrückt und überall im Gesicht mit Küssen bedeckt. „Ich hab dich lieb, Mama, ganz toll lieb,“ murmelte Stefan zufrieden, ohne sich über die Küsse seiner Mutter zu beschweren. Ganz im Gegenteil. Mit spitzen Mund drückte er Verena einen innigen Kuß auf die rechte Wange und sie fragte sich, wann er das zum letzten Mal getan hatte?

Pünktlich um zehn Uhr begann im Hotel „Merkure“ die anberaumte Dienstberatung der drei Teams der Region Westsachsen- Thüringen. Die zuständigen Teamleiter hatten sich noch einmal überzeugt, daß alle ihre Mitarbeiter anwesend waren und hantierten nervös mit ihren Statistiken, Plänen und anderen Arbeitsunterlagen. Franke war bekannt für die Forderung nach klaren und präzisen Antworten auf seine Fragen. Verena saß auf ihrem üblichen Platz. Der Buschfunk hatte, wie stets in solchen Fällen, perfekt funktioniert. Sticheleien und Andeutungen der Kollegen hatte sie gereizt, aber auch stolz auf ihre Meriten verweisend, abgeschmettert. 

Franke wertete das in wenigen Tagen zu Ende gehende Geschäftsjahr aus, verteilte personenbezogen Lob und Kritik und wünschte allen für die nächste Zeit Gesundheit, Glück und viel Erfolg bei der Erfüllung der hohen Zielstellung im kommenden Jahr. Verenas Kollegin Astrid raunte ihr zu: „Dem trockenen Charme seiner Statements kann man sich wie immer nur schwer entziehen." Verena lächelte zustimmend, kam aber nicht mehr dazu, zu antworten. Franke bat sich Ruhe im aufkommenden Gemurmel aus, woran er allerdings selbst Schuld war, weil er nach Ende seiner Ausführungen still verharrend aus dem Fenster geschaut hatte, so als wolle er seine Kräfte für einen wichtigen Schlag sammeln.

Gespannte Erwartung lag im Raum, als Franke sprach: „Im folgenden möchte ich Sie mit einer Personalveränderung vertraut machen. Wie sie wissen, scheidet unser Kollege Lothar Möbius als Regionalleiter in wenigen Tagen aus. Er wird in der Zentrale in München eine andere, wichtige Aufgabe übernehmen. An seine Stelle tritt die ihnen allen bestens bekannte Kollegin Verena Jacobi.“ Überraschtes Gemurmel, lauter Beifall und auch verwunderte Ausrufe drangen an Frankes Ohr. „Ich kann ja ihre Aufregung verstehen, meine Damen und Herren. Lassen sie mich aber bitte noch einige Sätze der Begründung anfügen.

Frau Jacobi ist eine der besten Mitarbeiterinnen im gesamten Unternehmen. Umsätze, die sie allein getätigt hat, überbieten das Ergebnis nicht weniger Teams mit drei bis sieben Mitarbeitern. Das betrifft übrigens auch Sie mit ihrem Team, mein lieber Herr Leonhard!“ teilte Franke ohne Pardon aus. „Kurzum, Verena Jacobi hat nach unserer festen Überzeugung die Fähigkeiten, die Kraft und den Willen, diese Aufgabe erfolgreich zu meistern. Und sie kann Ergebnisse aufweisen, hat Erfolg. Sie weiß, wie das Geschäft funktioniert.“

Verena rutschte unbehaglich auf ihrem Stuhl hin und her und wünschte sich auf den Mond. Sie hatte es eigentlich nicht gern, wenn über sie gesprochen wurde. Dennoch war sie beeindruckt von den lobenden Worten des Vertriebsleiters. Es schmeichelte ihr schon, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen. „Wir machen jetzt die vorgesehene Pause,“ bestimmte Franke und gab seiner Sekretärin, die bislang still an seiner Seite gehockt hatte, ein Zeichen. Frau Nahler erhob sich geschwind und verließ den Raum. Alle bestürmten Verena! Sie nahm die Glückwünsche gefaßt entgegen und bedankte sich bescheiden. Möbius schaute ihr gerührt in die Augen und sprach: „Wenn es eine verdient hat, dann du, liebe Verena. Ich wünsche dir viel Glück. Laß dich nicht unter buttern. Du weißt ja, wie schwierig dieser Job sein kann.“ Mach es auch gut, Lothar, und denke manchmal an uns, die Basis!  Vergiß nicht, daß hier die Brote gebacken werden und nicht in München. „Ich werde es mir merken,“ antwortete Möbius ernst.

Die Tür des Beratungsraumes wurde aufgestoßen. Auf der Bildfläche erschienen drei hübsche junge Kellnerinnen des Hotels mit je einem Tablett perlenden Sektes. „Ich habe Rotkäppchen ausgesucht," stammelte Frau Nahler, "den mögen sie doch, oder?“ "Danke, daß ist nett von ihnen, genau der richtige," bestätigte Verena lächelnd. Franke nahm eng neben Verena Aufstellung, hob sein Glas und sprach: „Lassen sie uns auf Frau Jacobi trinken, die schöne, kluge und erfolgreiche neue Regionalleiterin! Prost!“ Verena lief dunkelrot an. Franke konnte es einfach nicht lassen. Das allgemeine Geproste ausnutzend, flüsterte er ihr  ins Ohr: „Du siehst toll aus. Leider habe ich heute keine Zeit. Mein Flieger geht in zwei Stunden.

Aber wir werden uns ja nun des öfteren in München treffen, dienstlich natürlich,“ fügte er lächelnd hinzu. Verena schwieg. Sie war zufrieden. So konnte es weiter gehen. Ihre Rechnung war aufgegangen. Ohne mich läuft nichts mehr in diesem Team. Ich sitze fester im Sattel denn je. Mir kann hier niemand das Wasser reichen, gestand sie sich selbstgefällig ein.     

Verena und Alex saßen in ihrem Kaffee und plauschten. „Die haben dir tatsächlich den Job gegeben?“ fragte Alex ungläubig. " Na ja, ich hatte schon meine Zweifel," antwortete Verena. "Stell Dir vor, Franke wäre einer von der nachtragenden Sorte. So ganz sicher war ich mir bis zum Schluß überhaupt nicht." „Und, hat er wieder eine Show abgezogen?“ "Na klar, was denn sonst. Er hatte nur keine Zeit, aber ich muß ja künftig öfter hin zu ihm, dienstlich, wie er sich ausdrückte." „Ach Verena, du und die Männer,“ seufzte Alex und fuhr fort: „Sieh mich an. Wenn mir so ist, suche und finde ich auch. Mach es doch nicht so kompliziert.“ "Du hast gut Reden," entgegnete Verena belustigt. "Mir war damals in München auch danach. Glaube mir! Aber dann lief alles so geschäftsmäßig ab. Franke wollte doch nur seine Unwiderstehlichkeit beweisen und mich in Besitz nehmen. Ich kam mir plötzlich vor wie eine Ware, wie ein Gegenstand, der benutzt werden sollte. Da ist mir ganz einfach die Lust vergangen. Und außerdem wollte ich mir nicht selbst eingestehen müssen, die Beförderung durch einen Beischlaf besiegelt zu haben. "Weißt Du," sinnierte Verena, "meinen Seitensprung damals mit Oliver, den wollte ich. In den hatte ich mich wirklich verliebt. Er hat mich durch seinen Charme und seine Zärtlichkeit angemacht. Die Folgen kennst Du. Stefans Vater verließ mich. Trotzdem. Aus Liebe würde ich es wieder tun. Für mich ist und bleibt die Liebe etwas Einmaliges, Heiliges. Ohne Liebe läuft nichts."

„Wie schade für dich,“ mäkelte Alex und nahm ihre Freundin ganz einfach in die Arme.

Verena ärgerte sich. Schon vor einigen Tagen hatte sie die Fachwerkstatt angerufen und ihr Problem geschildert. "Haben sie etwas Geduld," hatte man ihr versichert, "unser Kollege ruft  in den nächsten Tagen zurück und vereinbart einen Termin mit ihnen." Nichts war jedoch passiert. Die Klingel im Korridor schlug an. Verena öffnete die Tür. Vor ihr stand ein gutaussehender Mann, Anfang vierzig vielleicht, schaute sie mit dunklen Augen aus einem sonnengebräunten Gesicht an und meinte keck: „Ich bin der Schornsteinfeger! Wenn ich gewußt hätte, was für eine Schönheit sich hinter diesen Mauern verbirgt, hätte ich sie schon vorgestern von dem Übel befreit. Aber so ist nun mal das Leben, immer wieder für Überraschungen gut.“

Verlegen wie ein kleines Schulmädchen und völlig überrumpelt von ihrem charmanten Gegenüber wisperte Verena: "Darf ich auch einmal etwas sagen?" 

„Aber klar doch," freute sich der Besucher! "Sie sind also der Mechaniker. Gehe ich richtig in der Annahme?" Sie hatte sich halbwegs wieder im Griff. „Sie gehen, gute Frau, sie gehen,“ gab er zu verstehen. „Also, wo ist das „Korpus delikti?" wollte er wissen. "In der Küche," antwortete Verena. "Kommen sie!" „Das haben wir gleich,“ murmelte der Mechaniker und hantierte gekonnt an dem Spülautomaten. „Das liegt am  Wasser, immer dasselbe,“ stellte er nach einer Weile fest.

"Und was machen wir da?" fragte Verena verzweifelt. „Ich gehe schnell nach unten, hole ein neues Teil, setze es ein und schon kann wieder gewaschen werden, so einfach ist das.“ "Das ist ja prima," freute sich Verena. „Eigentlich habe ich ja schon längst Feierabend,“ murmelte der Mechaniker laut. „Aber was tut Mann nicht alles für eine schöne Frau! Ich heiße übrigens Georg, bin der Betreiber der Firma, die sie um Hilfe angerufen haben. Bin sofort wieder bei ihnen.“

Allein in ihrer Küche stellte Verena verwundert fest, wie leer und öde die Wohnung plötzlich war, dunkel, ohne Glanz, ohne Gesicht! Georg hatte sich beeilt. Gekonnt baute er das neue Teil ein und startete einen Probelauf der Maschine. Stille herrschte zwischen den beiden. Dann fragte er: „Sind sie immer so allein?“ Verena zuckte zusammen. "Ja, ich bin daran gewöhnt, mein Sohn geht fast schon seine eigenen Wege. Heute ist er bei den Großeltern." 

Die Maschine verstummte. Der Test war erfolgreich verlaufen. „Die macht es noch einige Jahre,“ bemerkte Georg und packte gemächlich seine sieben Sachen zusammen. Unentschlossen trat er von einem Fuß auf den anderen und wischte wie abwesend mit einem sauberen Lappen die Spuren seines Wirkens von der Maschine. Verena war soeben von nebenan zurück gekommen und hielt ihre Geldbörse in den Händen. "Was bin ich ihnen schuldig?" Der Mann schaute sie ernst an, schluckte einige Male, raffte sich schließlich auf und schlug vor: „Die Reparatur kostet Sie nur den Preis für das neue Teil. Das andere erlasse ich ihnen. Nehmen Sie eine Einladung an?  Bitte! Ich möchte ihnen gerne ein paar Freunde vorstellen.“ Wieder so eine billige Anmache. Schade, dachte Verena. Der Satan sollte ihn holen, samt seinen Freunden! Gruppensex womöglich oder Drogenorgie. Vielleicht sogar beides zusammen? Sie würde sich weder vom Sexteufel reiten noch von einem Fixer mit Drogen zuschütten lassen. Zu guter letzt womöglich auch noch an irgend einem teuflischen Ort. "Ohne mich," nörgelte sie leise vor sich hin. Unsicher schaute sie Georg von unten herauf an. Fragendes, bittendes, werbendes glaubte sie in seinen Augen zu erkennen. So ein Unsinn, schalt sie sich selbst. Du siehst ja Gespenster. Reiß dich zusammen. Warum sollte sie denn sein Angebot nicht annehmen? Es würde schon gut gehen.

"Ich zahle den vollen Preis. Nur unter dieser Voraussetzung bin ich bereit, ihre geheimnisvolle Einladung anzunehmen," entschied sie. Erfreut stimmte  Georg zu. „Darf ich sie morgen gegen zehn Uhr abholen?“ Verena überlegte kurz: "Eigentlich ist ja der Samstag mein Putztag. Aber in diesem Falle mache ich gern einmal eine Ausnahme. Abgemacht! Morgen um zehn."

Gespannt wartete Verena am nächsten Morgen. Selten war sie in den letzten Jahren so aufgeregt gewesen. Lag das daran, daß ihr der Mann gefiel oder war es auf die Ungewißheit zurückzuführen, die sich wieder in ihr Gemüt geschlichen hatte?   

Pünktlich klingelte Georg. Er begrüßte sie wie eine alte Bekannte, hielt ihr die Tür seines Wagens auf und wollte wissen: “Haben sie gut geschlafen?“

Verena räkelte sich im weichen Polster, streckte ihre langen Beine bequem aus und sagte: "Danke der Nachfrage. Wenn der Tag so harmonisch wird, wie mein Schlaf traumlos und ungestört war, haben sie etwas gekonnt!" Er lächelte und bog auf eine Stadtauswärts führende Straße ein. Nach kurzer Zeit hatten sie die Landeshauptstadt erreicht. 

Georg parkte den Wagen auf einem kleinen Platz. Sie gingen, Seite an Seite eine Allee entlang, deren uralte Bäume ein Dach aus Blättern und Zweigen gewebt hatten. Wie zufällig berührten sich ihre Hände, verharrten aneinander, strebten wieder auseinander, um sich im nächsten Moment wieder zu finden.  Wärme und Geborgenheit durchrieselten Verena. So könnte ich noch bis zum Nordpol laufen, gestand sie sich ein und hatte nicht das Geringste dagegen, daß Georg mittlerweile ihre Hand in der seinen hielt. Gesellte sich zum beruflichen Erfolg auch noch persönliches Glück? Verena mochte gar nicht so recht daran glauben. Bisher waren ihre Begegnungen mit Männern stets zu ihren Ungunsten verlaufen. Und immer hatte sie sich schuldig gefühlt, wenn die Beziehung zerbrochen war. Die Männer sind wie Autos. Sie können schwierig sein, stur, lautstark und sie funktionieren manchmal nicht, das hatte sie immer wieder erfahren müssen. Jetzt verglich sie Franke mit Georg. Keinen der beiden kannte sie gut genug, um ein zuverlässiges Urteil über sie abgeben zu können. Und wenn es Franke doch ehrlich meint? Hatte sie sich in ihm getäuscht? Gab es eine Grenze zwischen dem Verlangen nach Sex und Verliebtheit, zwischen Berechnung und Zuneigung, die sie im Verhalten beider Männer wahrgenommen zu haben glaubte? Innerlich hin und her gerissen, seufzte sie hörbar. Georg blickte sie besorgt an. Sie hatten das Gelände der Rennbahn erreicht. Über einen Seiteneingang gelangten sie in das Innere. Auf abgezäunten Koppeln tummelten sich edle Pferde, deren Fell in der Maisonne glänzte.

Georg flüsterte ihr ins Ohr: „Sind sie nicht herrlich?“ "Unbeschreiblich," bestätigte sie und blieb stehen, um das ganze Panorama, das sich ihren Augen bot, in sich aufzunehmen: das weite Oval der Rennbahn, die steilen, überdachten Zuschauertraversen, die friedlich grasenden Pferde und das Grün der Bäume, die ringsherum standen und das Ganze einrahmten.  Georg zog sie schmunzelnd weiter und blieb schließlich vor einer Stallung stehen. Schnauben und gelegentliches Aufschlagen von Metall auf Stein waren zu hören. "Kommen Sie, hier finden wir meine Freude, die ich Ihnen, wie versprochen, vorstellen möchte." War das der teuflische Ort? Sollte sie Opfer eines dämonischen Rituals werden? Was hatte er vor? Aufgeregt folgte sie ihm in den hellen, sauberen Stall. Vor einer der Boxen blieb Georg stehen. Mit einem freudigen Wiehern machte sich der Rappe bemerkbar, scharrte mit dem rechten Huf im frischen Stroh und erfaßte geschickt das Stück Zucker, das ihm gereicht worden war.

„Das ist Foxtrott, eines meiner beiden hier eingestellten Pferde,“ stellte  Georg vor. Verena atmete erleichtert auf. Sie war überwältigt von der Schönheit des Tieres, streichelte dem Hengst zärtlich die Nüstern und raunte ihm zu: "Guten Tag Foxtrott, wie geht es dir?" Das Tier hob zutraulich den Kopf und schaute sie mit großen Augen neugierig an. „Er mag sie, vertraut ihnen,“ bemerkte Georg erfreut und strich dem Rappen über die Kruppe. "Warum heißt er Foxtrott?" wollte Verena wissen. „Er bewegt sich wie ein Tänzer beim Foxtrott, deshalb,“ erwiderte er.

„Lassen sie uns auch noch Charlotte begrüßen, dort hinten ist ihr Platz,“ zeigte er in Richtung Stallende. Die braune Stute hatte die Ohren hoch aufgestellt, als die beiden vor ihrer Box angekommen waren und tänzelte aufgeregt hin und her. „Sie muß bewegt werden, sonst wird sie unausstehlich,“ erklärte Georg. "Na du," sprach Verena das Pferd an und freute sich, daß sich die Stute offenbar gern das seidig glänzenden Fell ihres Halses streicheln ließ. "Das sind wunderbare Geschöpfe, man könnte sich direkt in sie verlieben," gestand Verena und schaute Georg offen an. Dem tat der Blick in ihre Augen unendlich gut.

„Gehen wir eine Kleinigkeit essen, drüben, im Klub. Anschließend habe ich noch eine Überraschung für sie.“ Verena stimmte gespannt zu und auf dem Weg zum Klub schwärmte sie wie eine Penälerin über das soeben Erlebte. "Und das sind wirklich ihre Pferde," wollte sie wissen, während sie an einem der Tische des gemütlichen Klubrestaurants Platz nahmen? „Ja, es sind meine Pferde, mein einziges Hobby. Man kann mit ihnen reden wie mit einem lieben Menschen. Sie hören immer zu, freuen sich, wenn man sie gut behandelt und sie nehmen normalerweise nichts von Fremden.“ "Interessant," meinte Verena und ließ sich den frischen Salat schmecken, den ihr Georg empfohlen hatte.

„Hatten sie schon einmal mit Pferden zu tun?“ Verena nickte zustimmend. "Als ich im vorigen Jahr im Wilden Westen war, habe ich hoch zu Roß den Bryce Canyon an seinem oberen Rand erkundet. Es hat mir großen Spaß bereitet und der Scout bescheinigte mir, eine gute Figur auf dem Pferd gemacht zu haben." Georg lächelte bei diesem Bericht in sich hinein. „Entschuldigen sie mich einen Augenblick, ich bin gleich wieder bei ihnen.“ Er verschwand und tauchte nach wenigen Minuten auch wieder auf. „Es klappt,“ sprach er in Rätseln! „Würden mich Gnädigste begleiten?“ wollte er von Verena wissen.

Sie ließ sich von der Fröhlichkeit anstecken, die von ihm ausging und folgte ihm. Neugierig schaute sie auf die sich nähernde ältere Frau. „Sie sind also die Amazone, die ich zünftig herrichten darf?“ ließ die anstatt einer Begrüßung verlauten.

„Bitte, Verena, vertrauen sie sich der Frau Ebeling an. Sie wird ein paar kleine Veränderungen an ihnen vornehmen. Ich erwarte sie draußen vor der Tür.“ Georg hatte sich schnell umgekleidet und wartete ungeduldig, mit der Gerte gedankenverloren gegen die Schäfte der polierten Stiefeln schlagend.

Sie sah hinreißend aus in der Reiterkluft. Ungläubig hielt sie in der linken Hand den Helm und in der Rechten die Gerte. „Ich empfehle ihnen Foxtrott, der hat sie vorhin so freundlich begrüßt. Der ist bestimmt stolz darauf, eine Schönheit wie sie auf seinem Rücken tragen zu dürfen.“ Verena hatte vor Aufregung feuchte Hände.

"Die Überraschung ist ihnen wahrlich gelungen, hoffentlich kann ich ihre Erwartungen auch erfüllen?" Sie stiefelten zu den Boxen, schweigend, jeder mit seinen Gedanken beschäftigt. Ein Stallbursche brachte die Pferde.

Gekonnten schwang sich Verena in den Sattel. Sofort begann der Hengst zu tänzeln, trabte jedoch brav los, als sie ihm mit einem leichten Druck ihrer Schenkel den Befehl erteilte. „Sie müssen locker bleiben, die Bewegungen des Pferdes mitmachen,“ korrigierte Georg zufrieden seine Begleiterin.

Sie gab sich alle Mühe und wurde von ihren Gefühlen überwältigt. Natur pur statt Asphalt der Straßen. Zügel statt Lenkrad ihres Honda. Zucker und Hafer statt Benzin. Ein PS statt neunzig und der Mann an ihrer Seite, in den sie sich unsterblich verliebt hatte. Sie erreichten eine kleine Lichtung.  Georg sprang von der Stute und fiel dem Hengst in die Zügel. Willenlos ließ sich Verena aus dem Sattel heben, schlang ihre Arme um seinen Hals und erwiderte, sich eng an ihn schmiegend, wie selbstverständlich seinen zärtlichen Kuß.

Sie saßen in Verenas Küche und tranken Beaujolais aus langstieligen,  bauchigen Gläsern. „Und du hast wirklich mit ihm ganze Tage und Nächte verbracht und mir nichts davon erzählt,“ fragte Alex zum wiederholten Male? "Ja doch, wie oft soll ich es denn noch bestätigen? Es ist traumhaft schön, er ist so zärtlich und doch auch so stark. Ich kann nicht genug kriegen! Ich liebe ihn, wie ich noch keinen Mann zuvor geliebt habe." „Und liebt er dich auch?“ fragte Alex dazwischen. "Ich denke schon," zeigte sich Verena überzeugt. „Hoffentlich ist das keine Luftnummer,“ sprach Alex mehr zu sich selbst als an ihre Freundin gerichtet und erging sich in guten Ratschlägen.

"Hör schon auf," ärgerte sich Verena scheinbar. "Mit dir, das ist schon ein Kreuz. Habe ich keinen Mann, mäkelst du an mir herum und habe ich endlich mal einen, dann ist es dir wohl auch nicht recht?" „Ach Verena, ich bin so stolz auf dich. Du wirst schon sehen, aus dir wird ein völlig neuer Mensch.“ "Male mir den Teufel nicht an die Wand." Erstaunt bemerkte Alex, daß ein dunkler Schatten  Verenas Gesicht verdüsterte. Besorgt beschwerte sie sich:

„Nimm doch bitte nicht immer alles gleich so wörtlich!“ Verena schien aus einem Traum zu erwachen. "Nein, ehrlich. Ich mache mir bei aller Freude ernste Sorgen." „Bist du schwanger,“ lächelte Alex, entschuldigte sich aber sofort, als sie die traurigen Augen ihrer Freundin sah. „Was ist denn los mit dir? Verdammt, Verena, so rede doch endlich.“

"Es geht um meinen Job!" „Was soll denn mit deinem Job sein?“ "Es wird gemunkelt, daß wir durch den Dauerkonkurrenten geschluckt werden sollen," antwortete Verena unsicher. Kalter Schweiß überzog ihren Körper, als sie daran dachte, wie sie diese Nachricht geschockt hatte. Trotzig redete sie sich zunächst ein: Das kann nicht sein? Ihr waren keinerlei Signale aufgefallen. Sie war doch nicht mit Blindheit geschlagen. Doch im nächsten Moment gewannen die Zweifel wieder die Oberhand.  Und wenn doch etwas dran war? Hatte sie zuviel gewollt und erhielt jetzt die Quittung? Sie litt Qualen. "Von feindlicher Übernahme ist die Rede," stieß sie genervt hervor. „Wer sagt denn das?“ "Sommermeier, du weißt schon, der Kleine mit der Glatze, den ich ständig in meinem Gebiet treffe, der hat es mir gesteckt.

Die Spatzen pfeifen es in München und anderswo schon von den Dächern, hatte er gemeint und mich mitleidig angeschaut." „Es wird viel gelabert, wenn der Tag lang ist. Der ist doch nur futterneidisch,“ empörte sich Alex. "Schön wäre es ja, wenn du Recht hättest. Ich muß unbedingt Möbius anrufen. Aber seit Tagen ist der nicht erreichbar. Laß uns noch einen trinken, bevor Stefan kommt. Vielleicht kann ich dann meine Unruhe vor ihm verbergen."   

Im Garten war der Kaffeetisch gedeckt. In der Küche roch es verführerisch nach frisch gebackenem Bienenstich. Stefan mochte den am Liebsten. Verena saß mit ihrem Vater auf der Schaukel. "Aber sage bitte Mama noch nichts, die nimmt sich immer alles gleich so zu Herzen," bat sie. „Es ist eben wie überall,“ schimpfte der Vater und zog hastig an der Zigarre. „So ein altes, bekanntes und großes Unternehmen! Wer hätte je gedacht, daß denen einmal solches widerfährt?“ Verena winkte niedergeschlagen ab. Vorgestern hatte sie die Kündigung erhalten. Mit dürftigen Worten spielte die Geschäftsleitung den Vorgang herunter. Von wirtschaftlichen Zwängen war die Rede und guten Wünschen für das weitere Fortkommen. Die Zeilen  verschwammen zu unförmigen schwarzen Strichen, als ihr Tränen der Wut und der Enttäuschung in die Augen gestiegen und auf das verfluchte Papier getropft waren. Die künftige Unternehmensleitung stelle ihr eine vergleichbare Tätigkeit in Österreich in Aussicht, hieß es am Schluß des Schreibens. „Und was willst du nun machen?“ wollte der Vater wissen.

"Ich werde die Möglichkeit, nach Österreich zu  wechseln, gar nicht erst erwägen. Was soll ich in einer mir fremden Welt? Hier ist mein zu Hause, hier bin ich verwurzelt, genau so wie du und Mama. Ich kann es Stefan nicht antun. Er fühlt sich so wohl in seiner Schule, hat hier seine Freunde, sein gutes Umfeld. Ich kann es Alex nicht antun, meiner besten Freundin. Sie hat immer zu mir gehalten und sie wird das auch weiter tun. Ich kann es dir und Mama nicht antun. Wer soll sich um euch kümmern, wenn es einmal notwendig sein sollte? Und Mama könnte das auch gar nicht verkraften, nur so mit dir, ohne mich und Stefan.

Schließlich kann ich es auch mir selbst nicht antun. Es gibt wieder einen Mann in meinem Leben, den werde ich um keinen Preis verlassen. Mit ihm will ich einen neuen Anfang wagen. Und außerdem habe ich auch meinen Stolz. Wir waren auch nicht schlechter als diejenigen, die jetzt die neuen Herren sind. Unsere Mitarbeiter waren engagiert, unsere Produkte konnten sich  sehen lassen, unser Bemühen wurde anerkannt. Nur unsere Chefetage, die hat versagt. 

"Ich werde schon wieder etwas Passendes finden, meinst du nicht auch?" „Zu wünschen ist es dir, mein Mädel,“ brachte der Vater unsicher hervor. „Aber denke daran: Ein Gespenst geht um, Landauf, Landab, das Gespenst der Arbeitslosigkeit!"

Verena lief ein Schauer über den Rücken. Vater sah die Dinge wohl richtig. Sie hatte in den Tag hinein gelebt, sich nur noch um ihr Liebesleben gekümmert und dabei völlig vergessen, wie hart die Unwägbarkeiten im Beruf zuschlagen können. Sie meinte, fest im Sattel  zu sitzen und hatte sich eingebildet, daß sie davon verschont bleiben würde, den Job noch einmal zu verlieren. Nichts wiederholt sich im Leben. Daran hatte sie fest geglaubt. Was nützten ihr vor lauter Verliebtheit Schmetterlinge im Bauch und das Gefühl, die ganze Welt umarmen zu können, angesichts dieser Katastrophe? Wie würde sie denn jetzt dastehen vor Georg? Kann sie ihm ohne Job überhaupt noch das Wasser reichen? Und Franke, dieser Schuft! Der muß doch schon etwas gewußt haben? So eine Pleite kommt doch nicht von heute auf morgen? Anstatt ihr reinen Wein einzuschenken, hatte er sie ins Bett haben wollen. Sie kicherte irre, wollte die Niederlage nicht wahrhaben.

Das Gespenst zeigte ihr seine häßliche Fratze. Sie fühlte sich betrogen wie die Geliebte eines Zuhälters und ausrangiert wie ein abgenutzter Autoreifen. Fragen und Zweifel marterten sie Tag und Nacht. Versagerin, hörte sie unsichtbare Stimmen kichern. Das geschieht dir ganz Recht, klagte sie sich selbst an. Je höher der Gipfel, um so tiefer der Fall, dröhnte es in ihrem Kopf. Verzweifelt hielt sie sich die Ohren zu, als könnte sie so die bohrenden Gedanken ersticken.

Gab es einen Ausweg? Wie würde das enden? Entsetzen packte sie. Wohin treibe ich, Verena Jacobi?